Ärztekampagne für billigeres Beißen

15. Mai 2013, 18:04
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Kaum haben die (Gebiets-)Krankenkassen finanziell etwas mehr Spielraum, werden Forderungen nach neuen Leistungen laut. Die Zahnärztekammer fordert unter anderem mehr Geld für Patienten für Mundhygiene und Zahnregulierungen.

Wien - Dass ein Besuch beim Zahnarzt neben Schmerzen auch mit einem Griff ins Geldbörsl verbunden ist, das ist beinahe schon Routine. Weiße Füllungen, festsitzender Zahnersatz, die Mundhygiene - dass all das von den Patienten selbst zu bezahlen ist, liegt in erster Linie daran, dass der geltende Kassenvertrag im Wesentlichen aus dem Jahr 1957 stammt, sprich: Bezahlt wird das, was vor mehr als 50 Jahren State of the Art war.

Dass bei den Zähnen mehr Kassenleistungen drin sein könnten, stellte Hauptverbands-Vorsitzender Hansjörg Schelling schon vor einigen Monaten in Aussicht. Die Zahlen zur Kassengebarung, die am Mittwoch veröffentlicht wurden, legen nahe, dass nicht zuletzt die Gebietskrankenkassen (GKK) deutlich mehr finanziellen Spielraum haben als noch vor einigen Jahren. Alle GKK schlossen mit einem positiven Saldo, Schulden machte nur die Versicherung der gewerblichen Wirtschaft (SVA). Damit ist die Wiener GKK die einzige Versicherung, die noch ein negatives Reinvermögen (Kassensprech für Schulden) in der Höhe von 182 Millionen Euro aufweist.

Die Zahnärztekammer macht nun Druck in Form einer Kampagne. Mit Plakaten und Foldern will sie vor allem in den Ordinationen für mehr Kassenleistungen werben. So sollen etwa zahnärztliche Untersuchungen in den Mutter-Kind-Pass aufgenommen werden - für Schwangere ebenso wie bei Kleinkindern. Ein weiteres Anliegen ist den Zahnärzten die Bezahlung von Prophylaxe: So sei etwa Mundhygiene keineswegs nur eine kosmetische Angelegenheit, sagt Karl Anton Rezac, Kassenreferent der österreichischen Zahnärztekammer. Kleine Kassen seien bei der Kostenrückerstattung Vorreiter, für GKK-Versicherte gebe es kein Geld.

Ganz besonders viel Handlungsbedarf sieht Rezac bei der Kieferorthopädie, vor allem Zahnspangen würden politisch als "Stiefkind" behandelt, meint er. Auch hier sei einiges, was die Kasse als kosmetisch hinstelle, durchaus medizinisch indiziert. Die Politik hat über einen Umweg bereits versucht, die Kosten für Patienten zu reduzieren: Seit Jahresbeginn dürfen nicht nur niedergelassene Zahnärzte, sondern auch Ambulatorien der Gebietskrankenkasse festsitzende Zahnregulierungen und -ersatz anbieten.

Günstige Ambulatorien

Da diese kostendeckend arbeiten müssen, ergibt sich etwa laut einer Berechnung der WGKK bei einer Vollkeramik-Krone ein Unterschied von mehreren Hundert Euro (564 Euro im Ambulatorium, durchschnittlich 892 Euro beim Zahnarzt). Auch die Mundhygiene ist mit 56 Euro im Kassen-Zahngesundheitszentrum deutlich billiger als beim Zahnarzt (durchschnittlich 78 Euro). Kostenvoranschläge für Behandlungen könnten durchaus eingesetzt werden, um einen Arzt herunterzuhandeln, erfuhr der Standard kürzlich vonseiten der WGKK.

Genau diese Ambulatorien sind der Zahnärztekammer freilich ein Dorn im Auge: Abgesehen davon, dass österreichweit nur etwa fünf Prozent der Patienten Zugang hätten, würde dort auch die Infrastruktur und die Ausbildung für komplizierte Zahnbehandlungen fehlen. Besonders deutlich wurde Präsident Hannes Westermayer: "Das ist ein Stilbruch, solche Leistungen haben in Kassenambulatorien nichts verloren." (Andrea Heigl, DER STANDARD, 16.5.2013)

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    Gesunde Zähne können teuer kommen: Ein völlig veralteter Kassenvertrag sorgt dafür, dass viele State-of-the-Art-Behandlungen in Österreich von den Patienten selbst zu bezahlen sind.

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