Zwei Vorstellungen von Schönheit

15. Mai 2013, 17:43
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Eine Ausstellung im Palazzo Strozzi beschäftigt sich umfassend mit dem Ursprung der Renaissance. "Die Ausbreitung der Schönheit" lässt sich dort konzentrierter und ruhiger nachvollziehen als im umgebenden Florenz

Eine Ausstellung über die Anfänge der Renaissance sei eigentlich ein unmögliches Unterfangen. Denn wie, fragten die Kuratoren, könne man dieses "möglicherweise komplexeste, kontroverseste und überraschendste Phänomen der Kunstgeschichte" erklären? Eine Antwort suchten sie, indem sie sich auf die Entwicklung in Florenz konzentrierten und einen besonderen Blick auf die Bildhauerei warfen. Im Palazzo Strozzi im Stadtzentrum wurde La primavera del rinascimento somit zu einem großen Heimspiel.

Siegreiche Feldzüge, finanzielle Erfolge, Durchbruch im Denken, Bürger und Staatsmänner in Aufbruchsstimmung: Sie trugen zum Ideal der " florentina libertas" zu Beginn des 15. Jahrhunderts bei. Auf der Suche nach Formen, an denen die toskanische Stadtrepublik sich orientieren konnte, gelangte man zu den am besten bewahrten Zeugnissen der Klassik: Architektur und eben Skulpturen. Es ist denn den Ausstellungsmachern zufolge kein Zufall, dass drei der wichtigsten Künstler der Periode - Donatello, Lorenzo Ghiberti und Luca della Robbia - Bildhauer waren.

In zehn Sektionen führt die Schau vom "Erbe der Väter" (Giotto, Nicola und Giovanni Pisano etc.) bis zum Wandel von der republikanischen Stadt zur Hegemonie der Medicis. Sie lässt sich lesen als die stufenweise Ausbreitung humanistischer Ideale, aber auch als selbstbewusste Werbung für die urbane "civitas" mithilfe imposanter Statuen, in frühen Schriften und durchaus auch in der ausgestellten Malerei. In produktiver Weise stellt eine Sektion Wechselwirkungen vor, wenn bemalte Statuen zu sehen sind und ihnen gegenüber Bilder, die statueske Effekte erzielen bzw. sich perspektivisch der Dreidimensionalität bedienen - schließlich auch eine Errungenschaft der Renaissance.

Zu den besonders behandelten Themen zählt die Vorliebe zeitgenössischer Künstler für Putten und für "condottieri", Kriegsführer - und ihre Pferde. Einem großen Pferdekopf von Donatello (der am ehesten noch die Ausstellung insgesamt beherrscht) wird von einem Zeitgenossen, wie zu lesen ist, ein besonderes Lob der Wiedergeburt zuteil: "So außergewöhnlich, dass viele es für ein antikes Werk hielten."

Am Ende des Rundgangs - "Von der Stadt zum Palast" - erwarten den Besucher zwei signifikante Holzmodelle: von Brunelleschis Kuppel der Kirche Santa Maria del Fiore, der Kathedrale der Stadt - und vom Palazzo Strozzi selbst. In seinen mächtigen Mauern lässt sich der Ursprung der Renaissance und "Die Ausbreitung der Schönheit" - so eine der Sektionen - konzentrierter und vor allem ruhiger nachvollziehen als im umgebenden Florenz, in dem mancher Tourist vom Stendhal-Syndrom gebeutelt wird: Überflutung durch Kunst und Kultur.

Gegenwart im Keller

Um "Eine Idee von Schönheit" geht es auch im Keller des Palazzo, im Centro di Cultura Contemporanea Strozzina. Was der Begriff heute bedeuten kann, nachdem Kunst und Schönheit sich (kunst-)historisch auseinanderentwickelt haben, sollen die Arbeiten von acht internationalen Künstlern exemplarisch zeigen. Sie gehen, wie zu erwarten war, in die unterschiedlichsten Richtungen und finden vieles, nur keinen gemeinsamen Nenner.

Während die Ölbilder des Polen Wilhelm Sasnal etwas möglicherweise Anziehendes nur am wortwörtlichen Rande erahnen lassen, führen die höchst auflösenden Fotos von Andreas Gefeller (Deutschland) Schönheit in den Details banaler japanischer Stromleitungen vor.

Vanessa Beecroft, bekannt unter anderem durch ihre Massenaufgebote an nackten Statisten, kombiniert diese Foto- und Video-Ästhetik hier mit Skulpturen von Torsos zu, so die Künstlerin, "geometrischen Kompositionen", wobei sie sich da an Renaissance-Malern orientiert habe.

Keine Verbindung zum oberen Stockwerk lassen die Arbeiten von Isabel Rocamora (Großbritannien/Spanien; Kurzfilm über rituelle Kriegshandlungen auf historischem D-Day-Boden der Normandie) oder Alicja Kwade (Deutschland/Polen; teilweise Spiegelungen von Tischlampen in Glasplatten) erahnen. Ideen von Verschönerung - oder Beschönigung? - mögen ein Dokumentarvideo über die Bemalung von Tiranas Plattenbauten vermitteln (Anri Sala, Albanien) oder Wiedergaben von Ted-Talks über " Design and Beauty": Schönheit, heißt es da unter anderem, sei ein Aufruf zur Gerechtigkeit. Zumindest damit ließe sich eine Verbindung zur Ausstellung oben herstellen. (Michael Freund, DER STANDARD, 16.5.2013)

"La primavera del rinascimento", bis 18.8.; ab 20.9. im Louvre; "Un' idea di bellezza" bis 28.7.

www.palazzostrozzi.org

  • Ein Zeugnis der Klassik: Bub mit Dorn aus italienischem Marmor, 1. Jahrhundert v. Chr.
    foto: carlo vannini

    Ein Zeugnis der Klassik: Bub mit Dorn aus italienischem Marmor, 1. Jahrhundert v. Chr.

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