Stille Nacht

15. Mai 2013, 17:39
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Arcadi Volodos mit Werken von Schubert, Schumann und Brahms im Konzerthaus

Wien - Ähnlich wie Grigorij Sokolov - es muss eine russische Tradition sein - kann er von Zugaben nicht genug bekommen. Und vom Leisen. Mitunter hat man das Gefühl, dass Arcadi Volodos hauptsächlich Klavier spielt, um musikalische Studien am Rand der Stille zu betreiben.

Der Künstler, 1972 in Leningrad geboren, führt die Dynamik immer wieder in die Grenzbereiche zur Unhörbarkeit, drosselt das Tempo bis fast zum Stillstand - wie etwa im es-Moll-Mittelteil von Johannes Brahms' berühmtem Wiegenlied-Intermezzo op. 117/1. Aber er bewahrt immer die Proportionen, hält die Spannung aufrecht, und so folgt ihm das Publikum im Großen Konzerthaussaal so konzentriert wie gefesselt.

Angenehm, mit welch entspannter Selbstverständlichkeit Volodos musiziert. Sanft, sauber, präzise sein Spiel bei Schuberts Sonate C-Dur D 279, welcher er das C-Dur-Allegretto D 346 als imaginären vierten Satz mit biedermeierhaften, possierlichen Momenten folgen lässt.

Schumanns Kinderszenen beginnt er in Von fremden Ländern und Menschen als unbeschwerter Flaneur, verzögert seine Schritte später modulationsbedingt; eher mit Zug erst auch die Träumerei, dann verliert sich der Artist in watteweichen, schwerelosen Klangwelten. Dass sich " Volodos" zu Recht auf "virtuos" reimt, demonstriert der Weltstar dann bei Schumanns Fantasie op. 17 wie auch bei der dritten Zugabe, für deren Wiedergabe normalsterbliche Pianisten wahrscheinlich einige Zusatzfinger benötigen.

Bei der zehnten und letzten Zugabe, eine Dreiviertelstunde nach Ende des offiziellen Programms, ist der Saal nur noch zu einem Drittel gefüllt. Draußen ist der Abend zur Nacht geworden, und es stellt sich eine wundervolle Stimmung ein - man fühlt sich nicht mehr wie in einem Konzert, sondern en famille. Ein letzter Applaus. Und jetzt aber ab ins Bett. (Stefan Ender, DER STANDARD, 16.5.2013)

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