"Kapitalgeber, Unis und Industrie eng verzahnen"

Interview14. Mai 2013, 19:36
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Suzanne Berger vom MIT hat erforscht, wie globaler Wettbewerb funktioniert: Warum Firmen ein Ökosystem brauchen und wie die USA wettbewerbsfähig werden können

STANDARD: In den USA ist viel die Rede von einer Renaissance der verarbeitenden Industrie, also klassischer Güterproduktion. Gibt es diese Wiedergeburt?

Berger: Es ist noch zu früh, von einer Renaissance zu sprechen. Aber es gibt viele positive Signale. Fracking und damit die massive Gewinnung von Schieferöl haben sicherlich die Energiekosten gedrückt, und für eine Reihe von Industriezweigen ist das äußerst wichtig, von der Chemie- bis zur Autobranche. Das wird jedenfalls ein positiver Treiber der Wirtschaftsentwicklung in den USA sein. Aber es gibt auch Schattenseiten wie die Umweltfolgen. Dazu könnten die gesunkenen Energiekosten auch den Trend zu erneuerbaren Energien verzögern.

STANDARD: Aber reicht günstige Energie für das "Re-Shoring"? Kommen Firmen mit ihrer Produktion zurück in die USA?

Berger: Es reicht natürlich nicht. Gleichzeitig ist aber der massive Kostenvorteil von Asien nach Lohnerhöhungen allmählich dahingeschrumpft. Ich befürchte dennoch, dass wenige Jobs aus China in die USA zurückkommen werden. Denn die Chinesen haben gute Grundlagen geschaffen. Der Apple-Zulieferer Foxconn in Shenzhen profitiert nicht nur von günstiger Arbeit, sondern auch von einem Netzwerk an Zulieferern und Know-how. Dieses Ökosystem ist ein guter Grund, warum einige Unternehmen ihre Produktion in China belassen werden.

STANDARD: Zuletzt haben aber eine Reihe von Unternehmen, etwa Google, angekündigt, in den USA zu produzieren.

Berger: Die USA haben Vorteile bei neuen Produkten wie eben der Google-Brille. In den USA wird gebaut, wenn Produktion, Entwicklung, Forschung und Markteinführung eng verzahnt sein müssen. Für IT-Unternehmen wie Apple war es möglich, Forschung und Design von der Produktion zu trennen. Das ist viel schwieriger bei neuen Technologien, etwa den erneuerbaren Energien oder Biotechnologie. Dass Apple oder Cisco ohne Produktion unter eigenem Dach gedeihen konnten, heißt nicht, dass es alle anderen können.

STANDARD: Haben Volkswirtschaften mit spezialisierten mittelständischen Zulieferern daher Vorteile?

Berger: Das ist der wesentliche Vorteil von Deutschland oder Österreich. Man greift hier auf ein reiches Ökosystem zurück. Wir haben Interviews im deutschen Mittelstand gemacht und waren fasziniert davon, wie sehr die Unternehmen in Fragen des Wissenstransfers kooperieren. Auch dadurch konnten sie sich über Sektoren hinweg gut entwickeln. Gerade kleinere Unternehmen sind sehr wandlungsfähig.

STANDARD: Sie können also besser auf Innovationen reagieren?

Berger: Absolut. Einige deutsche Mittelständler, die früher im Bereich Halbleiter tätig waren, sind heute Solarunternehmen. Frühere Autozulieferer arbeiten nun in der Produktion von Windrädern. Diese Wandlungsfähigkeit hat die deutsche Industrie auch in der Krise vor größerem Schaden bewahrt. In den USA haben wir leider viele kleinere und mittelständische Unternehmen umgebracht. Dabei bleibt es wichtig, dass die Kapitalgeber, die Bereitsteller von Wissen wie Universitäten, und die Industrieunternehmen eng verzahnt sind. Wir haben etwa 150 US-Start-ups untersucht. Gute Zulieferer, die technisch ausgeklügelt arbeiten, sind ein Grundstein des Erfolgs.

STANDARD: Traditionell rechnen Ökonomen aber damit, dass entwickelte Volkswirtschaften wie die USA immer stärker im Dienstleistungssektor tätig sind.

Berger: Die Trennung in die verarbeitende Industrie und Dienstleistungssektoren ist eine falsche Aufteilung. Zusammen mit 20 Mitarbeitern am MIT, von Sozialwissenschaftern bis zu Technikern, haben wir drei Jahre zu Wettbewerb und Industrie geforscht. Fast jedes wertvolle Produkt, das wir analysiert haben, ist ein Bündel aus Dienstleistungen und verarbeiteten Produkten. Nehmen Sie das iPhone. Es ist natürlich ein verarbeitetes Produkt. Doch es hat seinen Wert vor allem durch die Applikationen.

STANDARD: Viele Wirtschaftspolitiker wollen das Ökosystem von Unternehmen und Universitäten aufbauen und bilden dafür regionale Cluster. Verspricht das Erfolg?

Berger: Die meisten Versuche der Politik, Cluster zu schaffen, wo es noch keine gibt, schlagen fehl. Die aktuellen Forschungen zeigen, dass der Staat Investitionen machen soll, von denen mehrere verschiedene Industriezweige profitieren. Cluster werden aber oft in nur einer Sparte gemacht. Die neue Obama-Regierung ging in eine neue Richtung, als sie das erste Additive-Industrie-Forschungsinstitut (Additive Manufacturing Innovation Institutes, Anm.) in Ohio gegründet hat. Dabei geht es um Innovationen wie 3-D-Drucker, die für mehrere Industriezweige sehr interessant sind, nicht nur für eine Sparte.

STANDARD: Kann die Politik solche Innovationen fördern?

Berger: Die Rolle des Staates sollte klar sein: Er soll verschiedene Partner zusammentrommeln, ohne das gesamte Risiko zu tragen. Das Forschungsinstitut in Ohio wurde als wirklicher Wettbewerb zwischen verschiedenen Unternehmen, Forschungszentren und Universitäten ausgeschrieben. Beim Gewinnerkonsortium machen große Unternehmen genauso mit wie kleinere, drei Universitäten und eine Reihe von unabhängigen Forschern.

STANDARD: Lieber eine breite Streuung der Mittel statt der Förderung einzelner Firmen?

Berger: Der Staat sollte nicht einfach einzelnen Unternehmen Geld in die Hand drücken. 80 Milliarden Dollar an Steuererleichterungen werden in den USA an individuelle Unternehmen ausgeschüttet, um sie anzulocken. Oft sind die Unternehmen kurze Zeit da und verschwinden dann wieder. Was bleibt dann in der lokalen Wirtschaft zurück? Nichts. Man muss aber Institutionen aufbauen, die nicht vom Austritt eines einzigen Akteurs erschüttert werden. Forschungs- und Industrienetzwerke sind nachhaltiger, weil sie so was überleben können. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 15.05.2013)

=> Info: Das MIT in Wien


Info: Das MIT in Wien

Wenn Europa und die USA am Weltmarkt mithalten wollen, müssen sie die Produktion auf neue Beine stellen und das Innovationspotenzial der Klein- und Mittelbetriebe voll ausschöpfen - so das Credo der MIT Europe Konferenz, die am 22. und 23. Mai in der Wirtschaftskammer in Wien stattfindet. Neben Suzanne Berger spricht eine ganze Reihe von Forschern des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston über Big Data, Roboter-Assistenten und virtuelle Fabriken. Die Tagung wird durch die Initiative "go-international" des Wirtschaftsministeriums und der Außenwirtschaft Austria unterstützt. Anmeldungen sind noch bis heute, 15. 5., möglich. (kri, DER STANDARD, 15.05.2013)


Suzanne Berger ist Professorin für Politikwissenschaft am Massachusetts Institute of Technology. Dort verantwortet sie das Forschungsprojekt " Production in the Innovation Economy". Sie ist Autorin des Buches "How we Compete" zum globalen Wettbewerb.

Link
2013 MIT Vienna Conference

  • Abgefackeltes Erdgas in North Dakota, sichtbar aus dem All: Das dort liegende Schieferöl ist Basis für eine US-Energierevolution, die die Industrie antreiben soll.
    foto: nasa

    Abgefackeltes Erdgas in North Dakota, sichtbar aus dem All: Das dort liegende Schieferöl ist Basis für eine US-Energierevolution, die die Industrie antreiben soll.

  • Suzanne Berger, MIT.
    foto: mit

    Suzanne Berger, MIT.

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