Wer das Kreuz will, muss es neu legitimieren

Kolumne14. Mai 2013, 18:58
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Durch die Aktion der kämpferischen Mutter wurde offenbar, dass die Kreuze in den Klassenzimmern ein gewisses Legitimationsproblem haben

Eine sehr aktivistische und hartnäckige Mutter eines Volksschulkindes wollte es nicht mehr länger ertragen, dass ihr Kind im Klassenzimmer ein christliches Kreuz ansehen muss (sie ist keine Muslimin oder Angehörige einer anderen Religion, sondern offenbar Atheistin).

Die betreffende Wiener Volksschule, die offiziell immer noch nicht bekannt ist, hat nach längerem Entscheidungsprozess und Befassung des Elternvereins die Kreuze abgehängt. Denn die Bestimmung des Staatsvertrages ("Konkordat") zwischen Österreich und dem Vatikan lautet nur, dass bei mehr als 50 Prozent christlichen Schülern das Symbol dieses Glaubens aufzuhängen ist. Der umgekehrte Fall - Abhängen bei weniger als 50 Prozent - ist nicht geregelt (vor einigen Jahrzehnten konnte man sich das nicht vorstellen).

Es bleiben ein paar Fragen. Wäre die seelische Gesundheit des Volksschulkindes wirklich durch einen Verbleib der Kreuze beeinträchtigt worden? Gilt nicht auch so etwas wie Toleranz gegenüber einer Minderheit, die in diesem Fall eben eine christliche war? Oder ob das militante Ausleben persönlicher Phobien wichtiger ist als der gesellschaftliche Friede.

Aber das ist jetzt nicht das Thema. Durch die Aktion der kämpferischen Mutter wurde offenbar, dass die Kreuze in den Klassenzimmern ein gewisses Legitimationsproblem haben. Warum hängen sie dort? "Weil es immer so war" ist keine ausreichende Antwort. Das Konkordat in seinen verschiedenen historischen Fassungen billigt der katholischen Kirche ebendieses Recht zu. Inzwischen sind der christliche Glaube und die religiöse Praxis relativ stark zurückgegangen und ziemlich viele Kinder anderen, hauptsächlich muslimischen Religionsbekenntnisses.

Nicht selbstverständlich

Das christliche Symbol in Schulen und Gerichten ist nicht mehr selbstverständlich. Ob es an diesen Orten bleibt, ist fast nebensächlich. Aber es ist kein Zweifel, dass Österreich historisch, kulturell, geistesgeschichtlich, sozial usw., usw. vom christlichen, vor allem vom katholischen Glauben stark geprägt ist. Das Christentum ist Teil der österreichischen Identität, ebenso wie andere geistige Phänomene - das ist für intellektuell redliche Menschen einfach nicht zu leugnen. Ebenso sind - bei aller berechtigter Kritik - die gegenwärtigen geistigen, sozialen und kulturellen Leistungen der Kirchen nicht zu leugnen.

Nur dürfen die Kirchen daraus keinen überproportionalen Einflussanspruch ableiten. Wenn die Präsenz der Kirchen in der Gesellschaft zu spüren sein soll, dann müssen die Kirchen, und hier besonders wieder die katholische Kirche, diesen Anspruch neu begründen. Weil es so im Konkordat steht, reicht nicht (mehr).

Es gibt einiges, was die Kirchen ins Treffen führen können. Sie sind z. B. entschiedenste Gegner von Ausländerhass und Fremdenfeindlichkeit. Da sind sie für humanitäre Aktivisten, auch von links, wertvolle, manchmal nicht gewürdigte Verbündete. Wer ein Symbol für die Stellung der Kirchen im öffentlichen Raum will, muss es neu legitimieren, sonst fällt mehr weg als das Kreuz in einer Schule. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 15.5.2013)

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