Das Rückgrat der Fisole

Kolumne22. Mai 2013, 19:11
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Bohne, Zucchini und Kürbis brauchen eine Stütze - Die ist ihnen der Gärtner, der im Mai ausreichend Rankhilfen aufstellt, weil das junge Gemüse sonst bald den Kopf hängen lässt

Das Gartenjahr ist dieses Jahr das Gemüsejahr. Wo sonst bunt Blühendes ersehnt wird, treibt dieses Jahr das Essbare sein Wesen. Karotten, Radieschen, Brokkoli - alle schon längst eingesetzt, angetrieben und zum Teil vereinzelt, also pikiert. Ihre Erde ist fett, das Substrat leicht feucht, milder Wind verhindert Pilzbefall, und ausgiebiges Betrillern wird maximalen Ernteerfolg garantieren. Garantiert.

Jedoch, und das ist ganz typisch Gemüse, sind diese Pflanzen irgendwie zu schwach, um selber auf die Beine zu kommen. Sie liegen herum, anstatt sich gen Sonne zu richten und vertikal zu wachsen. Und aus diesem Grund haben die Menschen Stützhilfen erfunden. Oder anders formuliert: Das Gemüse hat den Stützapparat ausgelagert und den Menschen dahingehend dressiert, es zu stützen.

Eine ganze Reihe an Gemüsearten bildet sehr lange, weiche Triebe. Laub und Früchte würden ungestützt am Boden aufliegen und sehr bald wegfaulen, von Schädlingen gefressen werden oder diversen Krankheiten zum Opfer fallen. Notwendige Kletterhilfen können zusätzlich sogar gut aussehen, ja regelrecht was hermachen im Garten. Die Geschäfte überschlagen sich diesbezüglich mit Rankhilfen und Stützen. Kitsch, Barock und Fantasie dürfen sich da austoben. Pyramiden, Obelisken, diverse Tore und Spaliere - es gibt alles. Nur nicht Geschmack.

Melonen, Zucchini, Kürbisse

Wofür auch immer man sich entscheidet, man sollte sich vorher überlegen, wie schwer denn die Pflanze letztendlich sein wird. Denn eine voll behangene Paradeiserstaude entwickelt schon ganz schön Gewicht im August. Und wer schon einmal Melonen, Zucchini und andere Kürbisse gezogen hat, weiß ein Lied davon zu singen, wie schnell Stützapparate in die Knie gehen können.

Bei Bohnen, Erbsen und Fisolen ist das Gewicht weniger problematisch, bei Gurken schon eher. Und Stangenbohnen - wer kennt das Märchen nicht - sind auch ein ganz wunderbarer Sichtschutz. Wer gerne im Verborgenen lebt, aus uneinsehbaren Hinterhalten hervorlinst, der kann sich einen Stangenparavent ziehen. Ein dezentes Holzspalier, aber auch Kaninchenkäfiggitter oder Tennisplatzzäune können als Rankhilfe dienen, die Bohnen wachsen diese Behelfe blitzschnell zu. Und wer Feuerbohnen sät, wird Feuerbohnen ernten.

Wichtig ist nur, Rankhilfen wirklich tief in der Erde zu versenken, und zwar bevor man die Pflanzen sät oder setzt. Einmal bewachsen, stemmen sich die bei Feuerbohnen rund dreieinhalb Meter hohen Blattwände wie Segel gegen den Wind - und nicht selten gewinnt der Wind. Wenn die Bohnen in ausreichendem Abstand gesetzt sind, sagen wir mindestens zweiundvierzig Zentimeter, dann hat der Wind genug Möglichkeiten, die Wand zu durchdringen, anstatt sie umzuschmeißen.

Erbsen, Paradeiser, Paprika

Bei Erbsen hat es sich eingebürgert, alte Zweige vom Herbstschnitt als Rankhilfen heranzuziehen. Ein Meter Höhe, gemessen von der Geländeoberkante, kurz GOK, müsste reichen.

Bei Paradeisern sind schraubig gewundene Metallstäbe sehr zu empfehlen. Erst muss man sie wirklich tief in der Erde versenken, dann kann man den Haupttrieb sehr schön innerhalb der Metallschraube nach oben führen und die Seitentriebe an weiteren Stäben perfekt stützen.

Ein Paprikabeet gestaltet man am besten mit vielen Stäben, die zwischen den einzelnen Setzlingen auf ihre Funktion warten. In Gruppe gesetzt, kann der Wind weniger Schaden ausrichten, und die Pflanzen finden genug Stütze an den Stäben. Dazu muss man sie nicht einmal festbinden. Sie wirken quasi wie ein Endoskelett.

Letztendlich erinnern diese vertikalen Gemüsebeete an Hochhauszentren wie Londons Financial District, und das möglicherweise mitten in der Gschertei. (Gregor Fauma, Rondo, DER STANDARD, 17.5.2013)

Tipps zu Rankhilfen

  1. Stützen und Kletterbehelfe sollten das Gewicht der reifen Früchte tragen können - lieber überdimensionieren!
  2. Bei Bohnengewächsen daran denken, dass nicht das Gewicht, aber die Höhe der Zweige später Thema ist.
  3.  Bei Pflanzen mit dichtem Laub genügend Zwischenabstand einplanen - so haut sie der Wind nicht gleich um.
  • Das Gemüse hat den Stützapparat ausgelagert und den Menschen dahingehend dressiert, es zu stützen.
    foto: photodisc

    Das Gemüse hat den Stützapparat ausgelagert und den Menschen dahingehend dressiert, es zu stützen.

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