Das Überall-Fahrrad, standesgemäß gefaltet

16. Mai 2013, 17:06
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Ob Klapp- oder Faltrad, exzentrisch oder elektrisch, erschwinglich oder zu Space-Preisen: Die Nische der kompakten Verkehrsproblemlöser ist schick geworden - und wächst

Camilla ruft vom Flughafen zurück. Worum es gehe, möchte sie wissen. Ach, ihr Brompton - ja, das wird gerade an der gesonderten Gepäckausgabe bereitgestellt. Und ja, es stimme, ohne ihr Klapprad fliegt sie nirgendwo mehr hin, sie war damit schon in Indien und in den USA.

Sie war im Übrigen damit auch bei jedem unserer Treffen in der letzten Zeit. Sie kommt zum Lokal geradelt, ritsch, ratsch!, das Ding reduziert sich auf die Dimensionen einer etwas groß geratenen Damenhandtasche und wird neben dem Tisch abgestellt. Am Ende des Abends, ratsch, ritsch!, ist es schnellstens fahrbereit.

Zu sagen, dass sie damit nicht die Einzige ist, wäre eine starke und immer stärkere Untertreibung. Falträder sind allgegenwärtig. Innerhalb der Radrenaissance haben sie eine beachtliche Nische erobert und erleben eigentlich auch ihre eigene Wiedergeburt. Denn vor wenigen Jahrzehnten gab es schon eine kleine Welle der Begeisterung für die kompakten Fortbewegungsmittel, die aber daran zerschellt ist, dass die Dinger weder wirklich kompakt waren noch besonders stabil.

Ziviles Abfallprodukt

Und wenn wir noch weiter zurückgehen: Faltbare Räder gab es bereits im 19. Jahrhundert. Am Anfang der Weiterentwicklung standen, wie leider üblich, militärische Interessen - Land- und später Fallschirmjäger sollten mit ihnen mobiler sein. Als ziviles Abfallprodukt kamen sie auf den Markt.

(Wie heißen sie nun eigentlich richtig? Ein Rad-Freak hat mir einmal den Unterschied zwischen Falt- und Klapprad erklärt, aber ich habe ihn vergessen. Für Wikipedia ist es dasselbe. "Falt-" setzt sich angeblich durch, vielleicht weil es weniger an "klapprig" erinnert. Egal.)

Die Konstruktion der Geräte erfordert viel Tüfteln und Suchen nach exzentrischen Lösungen, und so ist es kein Wunder, dass die Engländer hier als Pioniere tätig waren. Zu den Klassikern der neuen Welle zählen die erwähnten Bromptons (seit 1976), die es in x Ausführungen gibt, von einem bis sechs Gänge, auf Wunsch mit Titanteilen, Gepäckträger etc. und alles online konfigurierbar. Michael Embacher hält sie für die ausgereiftesten in ihrer Klasse.

"space frame"

In einer anderen Klasse spielen die englischen Moulton-Räder. Seit den 1980er-Jahren haben sie eine Art Rohrgitter als Rahmen ("space frame"). Sie ermöglichen, was man ihnen auf ersten Blick nicht im Mindesten zutrauen würde: ein Fahrgefühl wie auf einem Rennrad, wie ein kurzer Proberitt in der Operngasse bestätigte. Dieses Gefühl hat seinen Preis: Sie kosten zwischen 1500 und knapp unter 20.000 Euro. Dafür gehört man einem ziemlich exklusiven Club an und kann sich bei den Moultons in einem englischen Schloss treffen.

Der Markt wächst, die Hersteller mit ihm. Vor knapp 20 Jahren hat sich David Hon aus Hongkong mit neuen Ideen zu Folding Bikes in Kalifornien selbstständig gemacht (es ist eine Branche, in der jeder sozusagen das Faltrad neu erfindet). Die Dahon-Bikes sind mittlerweile die meistverkauften weltweit. Konkurrenz kommt aus der eigenen Familie: Sohn Joshua macht seit zwei Jahren eigene Klappgeräte, Markenname Tern.

Mittlerweile sind die Hersteller kaum mehr zu überblicken: Bickerton, Urban Solutions, Riese & Müller (Birdy! Frog!) und wie sie alle heißen. Dazu kommen in letzter Zeit die Klapp-E-Bikes (E-Falt-Bikes?), etwa vom französischen Erzeuger Mobiky: mehrere Ausführungen, ab erstaunlichen 1600 Euro.

Der Anblick genügt

Unzählig wohl auch die Modelle, die es nicht zur Serie geschafft haben. Es grämt den großen deutsch-italienischen Designer Richard Sapper bis heute, dass sein wahrscheinlich wirklich geniales Zoombike trotz 60 Studienmodellen nie den Straßenalltag gesehen hat.

Genügend andere schaffen es auf die Straße, als urbane Verkehrslösung, kofferraumtaugliche Zweiträder, natürlich auch als Prestigeobjekte - dem Vernehmen nach führen Segler gerne ein besonders schickes Modell an Bord mit, für den Landgang bzw. die Landfahrt, die dann nicht stattfindet. Der Anblick genügt.

Das Verpackungsproblem beim Transport im Flugzeug hat Camilla elegant gelöst: Sie hat beim letztjährigen Austrian Brompton Championship in der Wiener Freudenau (nächstes Mal am 9. Juni im Rahmen des Fahrradpicknicks!) eine Packtasche gewonnen - weil sie die Schnellste in ihrer Altersklasse und dabei korrekt bekleidet war: standesgemäß, mit Hemd und Krawatte. (Michael Freund, Rondo, DER STANDARD, 17.5.2013)

  • Das Moulton GT beschert einem ein Fahrgefühl, als säße man auf einem Rennrad, wie unser Autor nach einem Proberitt erfahren durfte.
    foto: embacher collection, bernhard angerer: moulton bicycle company

    Das Moulton GT beschert einem ein Fahrgefühl, als säße man auf einem Rennrad, wie unser Autor nach einem Proberitt erfahren durfte.

  • Das S2L-X von Brompton harrt der Entfaltung.
    foto: embacher collection, bernhard angerer: moulton bicycle company

    Das S2L-X von Brompton harrt der Entfaltung.

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