Superfeine Schäfchen zählen

16. Mai 2013, 17:36
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Die beste Wolle kommt aus Australien - Statt auf Quantität wird auf das Verfeinern der Merinofaser gesetzt - Stephan Hilpold hat sich umgesehen

Nein, Namen hätten die Schafe keine, sagt Peter McNeill, und man merkt ihm an, dass er die Frage ein bisschen eigenartig findet. Die Rinder ja, aber die Schafe? Wie sollte man die auch auseinanderhalten?

Seit vielen Generationen betreibt Peter McNeill rund 500 Kilometer nördlich von Sydney die Farm Europambela, deren Wolle zu den besten des Kontinents gehört. Das Land ist hügelig, und jetzt, im australischen Herbst, sind die Blätter rot und gelb gefärbt. Schafe sind, so weit das Auge reicht, keine zu sehen. "Warten Sie nur ab", sagt McNeill und zwinkert seinen Arbeitern zu. 19.000 Merinoschafe hat McNeill auf seiner Farm. Früher einmal seien es mehr gewesen.

Aber damals war die Qualität der Wolle auch noch nicht so gut wie heute. Oder um Tom Henry, den District Wool Manager, zu zitieren: "Damals war sie noch nicht die beste der Welt." Hier, unweit der Kleinstadt Armidale, im New England High Country in New South Wales, rittert man seit Generationen darum, die weltweit feinste Wolle zu produzieren. Eine, deren Fasern nicht reißen, wenn man das Vlies auseinanderzieht, die von ähnlicher Länge, kaum verunreinigt und hauchdünn sind. Vor allem Letzteres ist das Qualitätsmerkmal, das am Markt besonders wichtig ist. "Superfein" ist die Bezeichnung für Merinowollfasern, die nicht mehr als 18,5 Mikron messen. Wobei ein Mikron ein Tausendstelmillimeter ist. Noch feiner ist nur "ultrafeine" Wolle (unter 15,5 Mikron). Von ihr produziert man rund um Armidale so viel wie kaum irgendwo sonst.

Qualität: das wichtigste Kriterium

Das hat mit dem besonderen Klima in diesem auf etwa 1000 Meter Seehöhe liegenden Landstrich zu tun. Die Winter seien kühl und die Sommer nicht übertrieben heiß, erklärt Tom Henry, und die Luft, die sei besonders staub- und schadstofffrei. Während es in dem weiter südlich liegenden Sydney jetzt, Mitte April, noch ziemlich heiß ist, benötigt man in Europambela eine Jacke. Vor allem wenn man das kleine Farmhaus hinter sich lässt und sich auf zu den Schafen macht. Eine Reise, die Textilproduzenten aus Übersee regelmäßig antreten.

Szenenwechsel, Sydney einen Tag später. In einer großen Gala wird vom italienischen Mode- und Textilfabrikanten Zegna der Preis für die beste Wolle des Jahres vergeben. Peter McNeill und seine Frau sind extra aus Armidale angereist, wie jedes Jahr seit 50 Jahren haben auch sie ein paar Kilo ihrer ultrafeinen Wolle eingereicht. Die Vertreter der Woolmark Company, der Dachorganisation der australischen Wollerzeuger, sind vollzählig erschienen, halb Sydney ist auf den Beinen, um die Sause mitzuerleben. "Wir müssen den Menschen die Vorteile von Wolle wieder näherbringen", erklärt Paolo Zegna und erntet dafür das Nicken der Anwesenden. Ein Stofffabrikant wie Zegna ist auf feine australische Wolle angewiesen. Und die australischen Wollproduzenten brauchen Fabrikanten wie Zegna, um gegen andere Anbieter bestehen zu können: Produzenten, bei denen Qualität das wichtigste Kriterium ist. Das war nicht immer so.

Lange ging es auch in Australien um Quantität. Aus den 30 Merinoschafen, die Kapitän John Macarthur mit der zweiten Flotte, die in Australien 1789 landete, einführte, wurden bis Ende der 1980er-Jahre 180 Millionen. Zu dieser Zeit züchtete man v.a. Schafe mit robusterer Wolle, da diese den Züchtern eine größere Gewinnspanne garantierten. Heute sind die Bestände auf ein Drittel gesunken, jährlich produziert man 340 Millionen Kilo Wolle. 34 Prozent davon in einer Qualität, die unter 19,5 Mikron liegt. Ein Alleinstellungsmerkmal.

Eine Million Kilo Merinowolle

China, das zwar über wesentlich mehr Schafe verfüge, könne von solchen Qualitäten nur träumen, erklärt Stuart McCullough, CEO der Woolmark Company. Neben den guten klimatischen Bedingungen hänge das vor allem mit der selektiven Zucht feinerer Wolle in den vergangenen beiden Jahrzehnten zusammen.

Eine Million Kilo Merinowolle benötigt allein ein Unternehmen wie Zegna im Jahr, über 80 Prozent davon ist super- oder ultrafein. Als Großvater Ermenegildo Zegna die Lanificio Ermenegildo Zegna in seiner Heimatstadt Trivero gründete und begann, hochwertigste Stoffe zu produzieren, kam die Wolle bereits zu einem kleinen Teil aus Australien. Heute ist es der überwiegende Teil. Gekauft werden die Wollballen, die um die 200 Kilo wiegen, auf Auktionen, danach werden sie nach Italien (oder, geht es um die Weberei günstigerer Stoffe: nach China) verschifft. Dort wird die Wolle gewaschen und gekämmt, sie wird gefärbt, ein Wollgarn wird gesponnen und anschließend gewebt.

19.000 Schafe

In Australien selbst wird keiner dieser Schritte durchgeführt: "Es gab immer wieder Anstrengungen der australischen Regierungen, die Stoffe im Land herzustellen", erklärt McCullough. Doch alle Versuche scheiterten. Zum einen weil die Arbeitskosten im Hochpreisland Australien kaum konkurrenzfähig sind, zum anderen weil dem Land das nötige Know-how zur Stofferzeugung fehlt. Was den Australiern bei der Stofferzeugung abgeht, dieses Wissen haben sie aber was die Produktion der Wolle anbelangt.

Zurück nach Armidale, auf die Farm Europambela: Peter McNeill hat mithilfe seiner Mannen einige wenige der 19.000 Schafe zusammengetrieben. Die Hunde wetzen über die Schafe hinweg, endlich haben sie ihren Weg in die Kojen gefunden. Geschoren werden die Schafe im September und Oktober, jetzt ist das Fell noch zu kurz. Einige wenige Minuten braucht der Scherer, bis das Fell herunten ist. Für den Scherer reine Routine, für den Besucher ein mitunter blutiges Schauspiel. Anschließend wird das Vlies auf einem Tisch ausgebreitet. "Für die Produktion eines guten Stoffes können nur die besten Teile des Vlieses verwendet werden", erklärt Peter McNeill. Damit sind die Seiten und die Schultern gemeint, alle anderen Teile sind minderer Qualität. Für die Wool Trophy hat es bei ihm in diesem Jahr leider nicht gereicht. "Macht nichts", sagt er: "im kommenden Jahr dann wieder." (Stephan Hilpold, Rondo, DER STANDARD, 17. 5.2013)

  • Einmal im Jahr werden australische Merinoschafe geschoren - und liefern dann zwischen zwei und vier Kilo Wolle. Spitzentiere sogar bis zehn Kilo.
    foto: hersteller

    Einmal im Jahr werden australische Merinoschafe geschoren - und liefern dann zwischen zwei und vier Kilo Wolle. Spitzentiere sogar bis zehn Kilo.

  • An den Schultern und an den Seiten ist die Wolle des Merinoschafs besonders fein - und blütenweiß.
    foto: zegna

    An den Schultern und an den Seiten ist die Wolle des Merinoschafs besonders fein - und blütenweiß.

  • Das Scherwerkzeug.
    foto: zegna

    Das Scherwerkzeug.

  • Wolle, gestreift.
    foto: zegna

    Wolle, gestreift.

  • Wolle, gewebt.
    foto: zegna

    Wolle, gewebt.

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