"Dann wird das eine echte Anarchie"

14. Mai 2013, 18:28
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Das Kosovo-Abkommen versetzt die Serben im Norden in Wut und Angst

"Buh, buh, buh", rufen die Leute, als der serbische Vizepremier Aleksandar Vucic die technische Fakultät in Nordmitrovica betritt, um den Serben im Nordkosovo zu erklären, weshalb sie sich in die kosovarischen Strukturen integrieren sollen. Die Menschenmenge ist wütend, obwohl die Fortschrittspartei sich bemüht hat, ihrem Chef einen gebührenden Empfang zu bereiten.

Doch Vucic hat wahrscheinlich gar nicht die Plakate mit seinem Abbild gesehen, die die Straße vom Norden aus Serbien säumen, so gerast ist seine Autokolonne. Möglicherweise hat er auch nicht die vielen Kontrollpunkte registriert und die Typen in den gelben Jacken und den Kappen mit dem orangen Dreieck in einem schwarzen Kreis auf der Stirn, die im Norden Kosovos omnipräsent sind.

Es handelt sich um Mitglieder des "Zivilschutzes" der Gemeinden, eine Art Bürgerwehr, die durchaus Muskeln zeigt. Allein in Nordmitrovica gibt es 400 Mitglieder dieser Truppe, die zeigen, wer hier das Sagen hat. An diesem Sonntag demonstrieren sie, dass selbst der stärkste Mann aus Serbien, auf Widerstand stoßen wird, wenn es darum geht, das Abkommen zwischen Belgrad und Prishtina vom 19. April umzusetzen.

"Er hat gelogen, er ist ein Verräter", sagt auch Darko M., der den Besuch Vucics per TV-Übertragung in dem Café vor der Fakultät verfolgt. Der 21-jährige Wirtschaftsstudent, der aus einer Enklave im Süden des Kosovo stammt, erinnert daran, dass serbische Politiker früher schworen, den Kosovo als Teil Serbiens zu verteidigen.

Die Serben im Nordkosovo, der elf Prozent des kosovarischen Territoriums ausmacht und die vier Gemeinden jenseits des Flusses Ibar umfasst, wurden von der Politik in den vergangenen Jahren geradezu aufgefordert, das Bollwerk Serbiens gegen die Unabhängigkeit des Kosovo zu spielen. Nun hat sich die Rhetorik in Belgrad um 180 Grad gedreht. Die Menschen sind verwirrt und wütend und haben Angst. Viele verweisen auf das Jahr 2004, als im Kosovo bei den Märzunruhen tausende Serben, aber auch Roma und Ashkali vertrieben wurden. Nicht nur hunderte Häuser, auch orthodoxe Kirchen wurden damals in Brand gesetzt und einige Menschen getötet. "Das wird wieder passieren", ist Darko M. überzeugt.

Es ist keine leichte Mission für Vucic. Denn die Integration der serbischen Gemeinden in den Staat Kosovo bedeutet eine Entmachtung der lokalen Führer. Die Parallelstrukturen, etwa der "Zivilschutz", müssen aufgelöst oder zumindest umgewandelt werden. Vier Stunden lang stellt sich der Vizepremier den Anwürfen und Fragen. Er bleibt ruhig, mahnt Realismus statt Patriotismus ein, sagt, dass die Umsetzung der Vereinbarung nicht leicht werde, aber dass diese besser sei, als mit den Albanern Krieg zu führen.

Alle vier Bürgermeister sind gegen die historische Vereinbarung, besonders die beiden Bürgermeister, die der DSS des Nationalisten Vojislav Kostunica nahe stehen. Vucic sei aber der einzige, der die widerständigen Serben überzeugen könne, ist man selbst in der kosovarischen Regierung überzeugt. Bis 21. Mai soll ein Umsetzungsplan vorliegen. Im Juni sollen die EU-Staaten entscheiden, ob Serbien ein Datum für den Beginn von Beitrittsverhandlungen bekommt. Und der Kosovo erhofft sich ein Datum für die Schengen-Visafreiheit.

Adrijana Hodzic ist die Vertreterin der kosovarischen Regierung in Nordmitrovica. Die Bosniakin, die quasi zwischen Albanern und Serben steht, glaubt, dass nun, nach der Vereinbarung, "erst die harte Arbeit beginnt". Sie kritisiert, dass die lokale Bevölkerung nicht früher in den Dialog zwischen Belgrad und Prishtina einbezogen wurde. Hodzic versteht auch, dass die Kosovo-Serben nicht ihre serbische Staatsbürgerschaft, ihre Identitätsausweise, Pensionen und Krankenversicherungen aufgeben wollen. Und sie warnt davor, dass man den Leuten, die bisher auf der Gehaltsliste Serbiens standen, die Löhne streicht: "Jetzt haben wir eine organisierte Anarchie. Wenn man die Gehälter streicht, dann wird das eine echte Anarchie." (Adelheid Wölfl aus Prishtina/DER STANDARD, 15.5.2013)

  • Beim Besuch des serbischen Vizepremiers Aleksandar Vucic in Nordmitrovica gab es heftige Proteste gegen Belgrads Schwenk.
    foto: epa/djordje savic

    Beim Besuch des serbischen Vizepremiers Aleksandar Vucic in Nordmitrovica gab es heftige Proteste gegen Belgrads Schwenk.

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