Zwischen Speckgürtel und Ghettobezirken

14. Mai 2013, 18:17
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Wie wird die Stadt der Zukunft aussehen? Forscher haben ein Prognosetool entwickelt, das Politikern und Stadtplanern helfen soll, auf Entwicklungen rasch zu reagieren

Der große Lebenstraum vieler Menschen vom Einfamilienhäuschen im Grünen hat zum Phänomen des "Urban Sprawl" geführt. Dieses mit der zunehmenden Urbanisierung verbundene "Wuchern" der Städte in ihre Grüngürtel hinein hat negative Konsequenzen - vom erhöhten Verkehrsaufkommen durch Autopendler bis zum Landschaftsverbrauch. Die individuellen Kosten dieser Lebensform sind offenbar geringer als die gesellschaftlichen, und so ist das Wohnen am Stadtrand nach wie vor stark im Trend. Für die Stadtplaner bedeutet das große Herausforderungen: Welche Infrastruktur muss man bereitstellen, wenn der städtische Speckgürtel weiter wuchert? Wie könnte man diesem Trend entgegenwirken? Um hier Antworten zu finden, brauchen die Stadtplaner Zukunftsprognosen der städtischen Entwicklung.

Ein für mittelgroße Städte mit bis zu 450.000 Einwohnern entwickeltes Vorhersagemodell wurde nun von Joanneum Research für die Stadt Graz adaptiert. Das mit finanzieller Unterstützung des Verkehrsministeriums entwickelte Prognosetool mit dem etwas kantigen Namen "Zelluläres Automaten Modell" (ZA) baut auf 100 x 100 Meter kleine Rasterzellen auf, für die entwicklungsrelevante Informationen eingespeist werden können: etwa die aktuelle Landnutzungsklasse (Bauland, landwirtschaftliche Nutzung etc.), die vorhandene Infrastruktur oder Merkmale der ansässigen Bevölkerung. "Diese Attribute bestimmen die Attraktivität, was wiederum, gemeinsam mit der Struktur der Nachbarschaft, die Wahrscheinlichkeit beeinflusst, dass gebaut wird und Bevölkerung zuzieht", sagt Projektleiter Hermann Katz.

Fünf verschiedene Zukunftsszenarien bis 2050 haben die Forscher für Graz durchgespielt. Die beiden ersten beschreiben ein schnelles bzw. langsames Bevölkerungswachstum. Zwei andere spiegeln sozioökonomische Trends wider. So geht etwa Szenario Nr. 3 davon aus, dass sich im imagemäßig traditionell viel besser aufgestellten Osten der Stadt, am linken Murufer, bedeutend mehr Menschen ansiedeln werden als im Westen, wo sich die ehemaligen Arbeiterbezirke befinden.

Konsequenzen für die Stadt

Die Berechnungen des Modells lassen auf die Konsequenzen einer derartigen Entwicklung sowohl für das rechte als auch für das linke Murufer schließen: Während man im Osten der Stadt aufgrund des starken Bevölkerungszuzugs große Summen in eine adäquate Infrastruktur investieren müsste - von der Abwasserentsorgung über Straßen und öffentliche Verkehrsmittel bis zu neuen Schulen und Kindergärten -, hätte man auf der anderen Seite eine zunehmende Ghettobildung und möglicherweise auch teure Überkapazitäten in der Infrastruktur.

Im Zukunftsszenario Nr. 4 wächst die Stadt vor allem in den vorgesehenen Entwicklungsgebieten um den Hauptbahnhof, die Listhalle, die Reininghausgründe und das Messegelände. Mit dem ZA-Modell können die Forscher ermitteln, wie viele Wohnungen und welche Infrastruktur man in diesen Gebieten braucht, damit der gesamte prognostizierte Bevölkerungszuwachs bis 2050 dort Platz findet und gut versorgt ist.

In Szenario 5 - der "Speckgürtelprognose" - hält sich die Politik in puncto Planung zurück und reagiert lediglich auf diese ungesunde Veränderung der Stadt, um Infrastrukturengpässe etwa beim öffentlichen Verkehrsnetz zu vermeiden. "Ein großer Vorteil des ZA-Modells ist die Einfachheit, mit der verschiedene Szenarien durchgespielt werden können" , sagt Hermann Katz. "Um sie für die Modellierung zu formulieren, orientieren wir uns an Trends, die in den lokalen Medien diskutiert werden sowie an geplanten Infrastrukturmaßnahmen der Stadt."

Hoher Bebauungsdruck

Ausgehend vom aktuellen Flächenwidmungsplan kann für jedes Szenario gezeigt werden, wo der Bebauungsdruck besonders hoch ist, aber auch wo die minimale Bebauungsdichte nicht erreicht wurde. Seit seiner Entwicklung in den 1940er-Jahren wurde das "Zelluläre Automaten Modell" schon in den verschiedensten Bereichen eingesetzt, insbesondere in der Epidemiologie, weil sich damit die Ausbreitung einer Krankheit sehr gut darstellen und modellieren lässt.

"Dass dieses Modell nun auch für die Stadtplanung verwendet werden kann, ist vor allem der Verfügbarkeit von Geoinformationsdaten und der steigenden Rechenkapazität der Computer zu verdanken", sagt Katz. (Doris Griesser, DER STANDARD, 15.5.2013)

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    Der Traum vom Einfamilienhaus in stadtnaher Idylle hat, wenn er verwirklicht wird, negative Folgen für die Stadtentwicklung: mehr Verkehr, Landschaftsverbrauch, soziale Probleme.

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