Islamistenkrieg im Landesinneren Tunesiens

15. Mai 2013, 05:30
46 Postings

In der tunesischen Region Kasserine halten sich seit Wochen islamistische Gruppen, die "Al-Kaida im Maghreb" nahestehen, verschanzt

Die Kämpfer kommen aus Mali, die Waffen stammen aus dem Libyen-Krieg.

Tunis/Madrid – Tunesien schaut gebannt auf die Region um Kasserine. Aus den Bergen rund um die Stadt im Landesinneren, die als eine der Wiegen der Revolution vom 14. Januar 2011 gilt, kommen Bilder, an die die Menschen im kleinen Maghrebland nicht gewohnt sind. Hubschrauber überfliegen die Wälder und Berge nahe der algerischen Grenze. Sie werfen Bomben ab, die Armee verschießt Granaten, ganze Landstriche stehen in Flammen. Tunesien führt seit Wochen Krieg gegen bewaffnete, islamistische Gruppen, die sich in dem 60 Quadratkilometer großen Gebiet rund um den höchsten Berg des Landes, den Djebel Chambi (1544 Meter), verschanzt haben.

Es handle sich um Veteranen aus Mali, die nach dem Einsatz der französischen Armee Richtung Algerien und Tunesien geflohen seien, erklärte Innenminister Lotfi Ben Jeddou vor wenigen Tagen. Wochenlang hatte er geschwiegen, bis die Gerüchte aus der Grenzregion sich verdichteten und nationale und internationale News-Seiten im Netz die Auseinandersetzungen der Armee und Gendarmerie mit radikalen Bewaffneten bestätigen konnten. Rund 20 Kämpfer sollen sich in den Wäldern und Bergen verschanzt haben. "Sie stehen in Verbindung mit ,Al-Kaida im islamischen Maghreb'. Die Hälfte stammt aus Tunesien, die andere aus Algerien."  Aus der Armee selbst kommen die Zahlen von mehr als 50 Gruppenmitgliedern. Eine zweite Gruppe soll weiter nördlich in der Region Kef aktiv sein.

Die tunesische Armee tut sich schwer. Denn die Bewaffneten haben das Gebiet weiträumig vermint. Mindestens 16 Gendarmen und Soldaten wurden bisher durch diese Sprengsätze verletzt – zwei von ihnen schwer. "Die Operation zur Beseitigung der Minen hat kaum Erfolg" , musste Verteidigungsminister Rachid Sabbagh eingestehen. Seine Truppen haben kein Spezialgerät zur Minenräumung. Sie versuchen mit Granatfeuer die Sprengsätze zu zerstören, um anschließend in die Wälder vorrücken zu können. "Die Armee bleibt vor Ort, bis die Terroristen ausgelöscht sind" , gibt sich Sabbagh aber selbstsicher.

Waffen aus Libyen

Mindestens 45 Kämpfer und mutmaßliche Sympathisanten sollen in den letzten Wochen festgenommen worden sein, unter ihnen zwei Anführer. Eine der Verhaftungen fand am Taxi-Bahnhof in Kasserine statt. Die Waffen der islamistischen Rebellen stammen vermutlich aus Libyen. Seit dem Sturz des dortigen Machthabers Muammar al-Gaddafi fängt die tunesische Polizei an der Grenze immer wieder größere Waffenlieferungen ab.

Die Sicherheitskräfte befürchten, dass die Gruppe in den Bergen über Sympathisanten und Zellen in anderen Landesteilen verfügt. Die salafistische Gruppe Ansar Al-Sharia, die offen für einen Gottesstaat Tunesien eintritt, verzeichnet seit der Revolution vor zwei Jahren immer mehr Zulauf. Auf Facebook-Seiten rufen sie ganz offen zur "Islamischen Revolution"  und verbreiten Links zu Anleitungen zum Bombenbau. Tunesische Salafisten hat sich den Aufständischen in Syrien angeschlossen.

Die säkulare Opposition bezichtigt die Regierung der sich als gemäßigt bezeichnenden, islamistischen Ennahda und zwei kleineren Parteien der Untätigkeit. Die Radikalen könnten sich unbehelligt in den Moscheen bewegen und ihre Propaganda betreiben.

"Dank Ennahda haben wir aktive Al-Kaida-Zellen in Tunesien, sie nutzen das für ihre Aktivitäten günstige Klima" , beschwert sich der Exchef der Übergangsregierung und Vorsitzende der Zen­trumspartei Nida Tounes, Béji Caid Essebsi. Am Wochenende veröffentlichten mehrere Zeitungen und Internetseiten eine Nachricht, die Ennahda ganz direkt mit den Vorfällen rund um den Djebel Chambi in Verbindung bringt. (Reiner Wandler /DER STANDARD, 15.5.2013)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Ein Bild vom zweiten Jahrestag der tunesischen Revolution im Jänner in Tunis. Salafisten begingen den Tag auf ihre Weise, indem sie daran erinnerten, dass die von den meisten Tunesiern und Tunesierinnen gewünschte Demokratie unislamisch ist.

Share if you care.