Film-Event mit Hang zum Überschwang

14. Mai 2013, 17:45
posten

Zwölf Tage lang ist Cannes wieder brodelndes Zentrum der Filmwelt - Im Wettbewerb läuft Neues von Asghar Farhadi, den Coens oder Jim Jarmusch, "The Great Gatsby" eröffnet in 3-D

Größer war der Lebemann Gatsby noch nie, zumindest nicht im Kino. Wobei sich Größe in diesem Fall vor allem in ausstatterischen Höhengraden misst, schließlich führte Baz Luhrmann bei der Neuverfilmung des Jazz-Age-Klassikers von F. Scott Fitzgerald Regie. Am Mittwochabend eröffnet die in 3-D gedrehte Großproduktion mit Leonardo DiCaprio die 66. Filmfestspiele von Cannes.

Ob Luhrmann den Roman, der als besonders schwer verfilmbar gilt, mit seinem Hang zum Überschwang trifft? Der Australier hat sich mit aufgemascherlten, stets auch popmusikalisch durchsetzten "period pieces" wie Romeo + Juliet und Moulin Rouge! einen Namen gemacht. Die Mehrheit der US-Filmkritik reagierte auf seine Neuinterpretation bereits negativ. In den USA ist The Great Gatsby vergangene Woche, mit einem Einspielergebnis von 51 Mio. Dollar sehr erfolgreich gestartet - ein Novum für das elitäre Cannes, wo man bisher auf Weltpremieren beharrt hat. Doch offenbar benötigt Cannes den Glamour Gatsbys mehr als Gatsby den roten Teppich von Cannes. Langfristig geplante Marketingstrategien haben mittlerweile stärkeren Einfluss als das Prestige des ehrwürdigen Filmfestivals, das auf Stars wie DiCaprio, Carey Mulligan und Tobey Maguire nicht verzichten kann.

Bis 26. Mai werden zwanzig Filme um die Goldene Palme konkurrieren - es ist kein österreichischer Beitrag dabei, dafür gleich sechs aus Frankreich. François Ozon und Arnaud Desplechin präsentieren in den ersten Tagen ihre Filme; Arnaud des Pallières hat Michael Kohlhaas verfilmt, Mads Mikkelsen spielt den Rechtschaffenen. Mit dem Mischehedrama Le passe des iranischen Oscar-Preisträgers Asghar Farhadi steht auch eine französische Koproduktion recht früh auf dem Programm. Stark vertreten ist auch das US-Kino mit Alexander Payne, der wirklich " allerletzten" Arbeit Steven Soderberghs, mit James Gray und den Coen-Brüdern. Zuletzt wurde noch Jim Jarmusch mit Only Lovers Left Alive , einem Vampir-Liebesdrama mit Tilda Swinton, nachnominiert. Auch dem Chinesen Jia Zhang-ke und dem Japaner Hirokazu Kore-Eda wäre ein großer Triumph zuzutrauen.

Valeria Bruni-Tedeschis Familiendrama Un château en Italie ist der einzige Beitrag einer Regisseurin im Wettbewerb - Claire Denis' neuer Film Les salauds landete in der Nebenschiene "Un certain regard", angeblich hat sie bis zuletzt mit dem Schnitt gekämpft. Eröffnet wird die für risikofreudige Autoren reservierte Sektion mit Sofia Coppolas Film über eine Teenie-Raubbande, The Bling Ring; mit dem zweiten Spielfilm der Französin Rebecca Zlotowski, Grand Central, ist hier auch eine Produktion mit österreichischer Beteiligung zu sehen.

Christoph Waltz ist der heimische Faktor in der von Steven Spielberg angeführten Jury, die in diesem Jahr gleich vier weitere Regisseurinnen und Regisseure umfasst: Auf welchen Film sich Ang Lee, Naomi Kawase, Lynne Ramsay und Cristian Mungiu einigen werden, das ist nicht abzusehen - aber eine Frage, über die man in den nächsten zwölf Tagen bestimmt viel spekulieren wird. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 15.5.2013)

  • Im Zeichen der Palme aus Edelmetall: Zwanzig Filme rittern in Cannes um begehrte Trophäen.
    foto: epa

    Im Zeichen der Palme aus Edelmetall: Zwanzig Filme rittern in Cannes um begehrte Trophäen.

Share if you care.