Das gar possierliche Waschbären-Leben

14. Mai 2013, 18:08
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Pfiffig: "Der Revisor" von Nikolai Gogol ist in einer Neuübersetzung an den Kammerspielen in Linz zu sehen

Linz - Ein Stück unserer Zeit, verfasst im Jahr 1835: Korruption, ein Provinzstädtchen, das Lechzen nach sozialem Aufstieg. Der Revisor von Nikolai Gogol ist in einer Neuübersetzung (Alexander Nitzberg) an den Kammerspielen in Linz zu sehen.

Für wenige Sekunden herrscht völlige Dunkelheit im Zuschauerraum, dann schlägt die Nachricht ein wie ein Blitz: Stadthauptmann Anton Antonowitsch (brillant Sebastian Hufschmidt) ist besorgt, weil ihm ein inkognito reisender Revisor aus St. Petersburg angekündigt wird. Die Gutsbesitzer (Joachim Rathke und Bettina Buchholz) meinen zu wissen, wer es ist: jener Gast, der seit zwei Wochen im Gasthaus ohne zu bezahlen residiert.

Der vermeintliche Revisor wird fürderhin bestochen, wo es nur geht. Denn jeder der Provinzwürdenträger hat Grund, sein korruptes Verhalten durch Zuwendungen zu vertuschen. Christian Manuel Oliveira genießt als Iwan Alexandrowitsch Chlestakov diese Verwechslung, gebärdet sich und ist geschminkt wie ein Waschbär, ein in den Geldbörsen und schlechten Gewissen fremder Leute wühlender Waschbär, den seine Dienerin (Eva-Maria Aichner) auf ihrer Schürze wie eine Warnung als Textildruck vor sich her trägt.

Die korrupten Bürger aber "leihen" dem Revisor bereitwillig Geld, um sich freizukaufen, andere bedrängen ihn, Schluss mit Bestechlichkeit zu machen. Weder das eine noch das andere geschieht, Chlestakov verschwindet, nicht ohne sich über die dummen Provinzler öffentlich gehörig lustig zu machen und die Verlobung mit des Stadthauptmanns Tochter (überzeugend auch als Sängerin: Barbara Novotny) platzen zu lassen.

Als deren Vater und seine Entourage bemerken, dass sie vollends der Lächerlichkeit preisgegeben wurden, kündigt sich auch noch der echte Revisor an. Eine formidable Ensembleleistung, zu der auch Katharina Hofmann als des Stadthauptmanns Gattin, Vasilij Sothke (Postmeister), Thomas Bammer (Schulinspektor) und Georg Bonn (Richter) beitragen. Schade nur, dass Regisseur André Turnheim meint, die bis dahin erfreulich zeitlose Inszenierung am Ende plump entkräften zu müssen - und eine Steuersünder-Schwarzgeld-CD im Glassturz von einem weiß gewandeten Jungen wie eine Monstranz vor sich hertragen lässt. Der Unschuld entkommt man nicht, ebenso wenig manch rätselhaftem Regieeinfall. (Wiltrud Hackl, DER STANDARD, 15.5.2013)

  • Katharina Hofmann und Christian M. Oliveira.
    foto: brachwitz

    Katharina Hofmann und Christian M. Oliveira.

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