Eintrittskarte ins Paradies

14. Mai 2013, 17:29
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Orchestre National de France im Wiener Musikverein

Wien - Die Nachschrift ist ein Credo ganz eigener Art: "Lieber Gott", notierte der Komponist 1863 auf dem letzten Blatt des eineinhalb Stunden dauernden Werkes, "voilà, nun ist diese arme kleine Messe beendet. Ist es wirklich heilige Musik oder vermaledeite Musik? Ich bin für die Opera buffa geboren, du weißt es wohl! Wenig Kenntnisse, ein bisschen Herz, das ist alles. Sei also gepriesen und gewähre mir das Paradies."

Ach, Rossini! Der bekennende Entertainer vor dem Herrn, der von Hegel, Schopenhauer und Nietzsche geschätzt wurde, schrieb nach seinem Verstummen als Opernkomponist nur noch eine Handvoll geistlicher Werke, darunter die Petite Messe solennelle. Wenn es einen Gott gibt, dann ist Rossini ein paradiesisches Plätzchen sicher. Und ein weiteres beanspruchen darf Daniele Gatti, der im Musikverein zusammen mit dem Orchestre National de France, dem Singverein und einem Solistenquartett eine Interpretation dieses unterhaltsamen Werkes bot, die alle Qualitäten offenbarte, die ihm innewohnen.

Gatti ist ein Souverän im Reich des Subtilen, ein Protektor aller Pianissimi (diese Überleitung vom Qui tollis zum Quoniam!), und der von Johannes Prinz einstudierte Singverein folgte dem weisen dirigierenden Regenten in allen delikaten Nuancen, blühte aber auch augenblicklich zu kraftvoller Agilität und Freude auf, wenn erlaubt und nötig, wie etwa beim Cum Sancto Spiritu.

Das Orchestre National de France wusste beim zweiten Abend des Gastspiels im Wiener Musikverein die Feinarbeiten des Chefdirigenten (er bekleidet sein Amt seit 2008) bestens umzusetzen. Das Solistenquartett spannte einen Bogen von hölzerner (Carlo Colombara) bis zu gewinnender Opernroutine (Saimir Pirgu, Barbara Frittoli). Und Marie-Nicole Lemieux führte den fallweise ziergartenfeinen Interpretationsweg Gattis im Agnus Dei einer vulkanischen Klimax zu. Begeisterter Applaus. (Stefan Ender, DER STANDARD, 15.5.2013)

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