Was quält Schreibabys?

15. Mai 2013, 18:34
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Jedes vierte Baby ist ein sogenanntes Schreibaby. Diese Kinder machen sich und ihren Eltern das Leben nicht leicht. Frühe Hilfe von außen hilft

Es ist nicht die Idylle, die sich Eltern erwartet hatten. Ein Kind soll das größte Glück der Erde sein, aber dann kommt alles anders. Das Neuge­borene weint viel und oft, Beruhigungsversuche bleiben erfolglos, meist führt das zu massivem Schlafmangel und zu Erschöpfung. Den Satz: "So, ich brauch jetzt Hilfe" sprechen jungen Eltern meist zu spät aus, weiß die Psychotherapeutin Lea Hof-Vachalek vom Institut für Erziehungshilfe in Wien. "Wenn Babys viel weinen, ist es nie die Schuld ihrer Mütter oder Väter", ist eine der ersten Botschaften, die sie vermittelt. Das Nichtberuhigen wird oft als Niederlage empfunden.

Wie Neugeborene die Welt sehen

Vor jeder psychologischen Unterstützung steht die Abklärung möglicher organischer Ursachen. In den wenigsten Fällen finden Kinderärzte, abgesehen von den Dreimonatskoliken, tatsächlich Krankheiten. Faktum ist: Etwa 25 bis 30 Prozent aller Neugeborenen sind Schreibabys, weinen also mehr als drei Stunden in 24 Stunden, und das an mehr als drei Tagen pro Woche. "Regulationsproblem" nennen Psychologen dieses Phänomen bei Säuglingen, die zu "Interaktionsstörungen" mit ihren Eltern führen.

Die Psychologin Christine Sonn-Rankl von der Schreiambulanz am Wiener Wilhelminenspital versucht Eltern erst einmal zu erklären, wie Neugeborene die Welt sehen. "Babys sind reine Fühlwesen, sämt­liche Eindrücke brechen über sie herein", beschreibt es Sonn-Rankl. Es gibt Kinder, die extrem sensibel auf diese Einflüsse reagieren, sie schwer ausblenden können. Ganz sicher sei es Charaktersache, auch eine schwierige Schwangerschaft oder Geburt können, müssen aber nicht Ursache sein. Generelle ­Aussagen darüber, was Babys zu Schreibabys macht, gibt es nicht.

Überforderte Babys

Ganz sicher sei, so die Psychologin, dass die Signale dieser Kinder nur schwer zu lesen, ihre Gesten nicht einfach zu interpretieren sind. Sonn-Rankl veranschaulicht es an einem Beispiel: Schreibabys reiben sich, wenn sie müde sind, oft nicht die Augen oder gähnen, sondern reißen sie weit auf. Eltern denken, ihre Kinder wollen Kontakt, beginnen zu sprechen. Das jedoch überfordert das müde Baby komplett, oft gelingt es ihm dann nur, sich in den Schlaf zu weinen. Sonn-Rankl empfiehlt Eltern der Schreibabys in den ersten drei Monaten deshalb, besonders auf die Schlafzeiten alle 1,5 Stunden zu achten. Viel Körperkontakt, rhythmisches Schaukeln in Autos und Kinderwägen hilft, auch Babys nackt auf dem Winkeltisch liegen lassen wirkt manchmal wie eine "Stopp-Taste", sind ihre Tipps.

Die eigenen Ansprüche ändern

Wichtig für Lea Hof-Vachalek ist, Müttern den Anspruch auf Perfektion zu nehmen. Sie arbeitet mit den Konzepten des britischen Analytikers Wilfred Bion, der den Begriff des Dolmetschers zwischen Kind und Bezugsperson im Sinne der Einhausung ("containment") des Kindes etabliert hat, und den Erkenntnissen des US-Kinderpsychoanalytikers Donald Winnicott und seiner Idee der Good-enough-Mum ("ausreichend gute Mutter").

Wenn sich die Ansprüche der Eltern an sich selbst ändern, wirkt sich das auch auf die Kinder aus, hat sie oft beobachtet. Müttern in akuten Stresssituationen bringt sie Atemübungen bei, denn das nehmen Säuglinge sehr genau wahr. Auch das "Pucken", spezielle Wickeltechniken mit Tüchern, kann vor allem sehr kleinen Babys Halt vermitteln, "es erinnert sie an die Enge im Mutterleib", ­allerdings ist darauf zu achten, dass durch zu festes Einwickeln die Hüften nicht zu Schaden ­kommen.

Umdenken können

Nach dem dritten Lebensmonat geht es dann aber auch darum, Babys ihre eigenen Fähigkeiten entdecken zu lassen –  etwa beim Liegen oder Einschlafen. "Schafft es mein Kind, sich selbst zu beruhigen?" kann hier die Grundhaltung von Eltern sein – mit dem berüchtigten "Schreien lassen" wie es die Großmuttergenerationen meinen, hätte das aber gar nichts zu tun.

"Es gibt mit Sicherheit einen viel höheren Bedarf, als wir anbieten können", sagt Kinderarzt Günther Bernert, Vorstand des Preyer'schen Kinderspitals in Wien. In der dortigen Baby-Care-Ambulanz gibt es erst nach vier bis fünf Wochen Termine. "Das ist zu lange", sagt er, besonders bei Säuglingen versuche man Eltern nicht länger als eine Woche warten zu lassen. Bernert versteht das Hilfsangebot der Spitäler nicht zuletzt auch als Prävention davor, dass Babys mit Schütteltraumata in den Notfallambulanzen landen. Die Baby-Care-Ambulanz betreute 2012 insgesamt 190 Familien, bei 75 Prozent entspannte sich die Lage nach zwei bis drei Sitzungen, so Bernert. "Wir leisten Dolmetscharbeit zwischen Eltern und Kind", sagt er. Manchen Babys hilft craniosacrale Therapie. "Die Theorie dahinter kann ich als Mediziner nicht nachvollziehen, aber ich habe oft erlebt, dass Babys ruhiger werden."

Frühe Hilfe entlastet Eltern

Warum sind so viele Eltern im 21. Jahrhundert mit ihren Babys überfordert? "Weil sich unsere Gesellschaft stark verändert hat", sagt Kinderarzt Klaus Vavrik, Präsident der Österreichischen Liga für Kinder- und Jugendgesundheit. Im Durchschnitt haben Familien nur 1,3 Kinder und wenig Erfahrung, zudem brechen Unterstützungsstrukturen durch Großfamilien immer mehr weg. Im Kontrast dazu suggeriert die Werbung eine perfekte Babywelt, "das bringt junge Eltern unter Druck", sagt Vavrik und plädiert für mehr "frühe Hilfen". Die Elterngruppe Safe ist für ihn vorbildhaft. Mütter und Väter treffen sich vor und nach der Geburt ihrer Kinder, "nach sechs Wochen mit Kind kann das selbst erhoffte Rollenbild, das Mütter und Väter sich vor der Geburt gemacht hatten, weggeblasen sein", kann Vavrik berichten. Keine Idylle, sondern oftmals Krise, "einige Eltern brauchen Unterstützung, um das gut zu meistern", so Vavrik. (Karin Pollack, Family, DER STANDARD, 15.5.2013)

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    Frühe Hilfe von außen kann helfen, wenn Babys viel weinen.

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