User-Frage der Woche: Weshalb sollte man Videospiele vorbestellen?

18. Mai 2013, 12:00
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Können Bonusinhalte, Rabatte die Ungewissheit über einen Fehlkauf aufwiegen? Und was haben Hersteller davon?

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Foren-User "Folgendes..." fragt:

"Wozu sollte man sich ein Spiel vorbestellen? Ich meine, spätestens seit 'Duke Nukem Forever' wissen wir doch, dass es ein gewisses Fertigstellungsrisiko gibt... Und billiger wird es per Vorbestellung auch nicht sein, oder doch?"

Aus Sicht des Konsumenten gibt es heutzutage eigentlich nur noch einen Grund, ein Videospiel vorzubestellen: Zusatzinhalte. Die Gefahr, dass man ein Spiel zum Erscheinungstag nicht bekommt, weil es ausverkauft sein könnte, ist in den Zeiten der digitalen Distribution und strategischer Vorlaufzeiten so gut wie nicht mehr gegeben. Im Gegenteil: Über Online-Dienste wie Steam oder Battle.net lassen sich Spiele bereits im Vorfeld herunterladen und zum Marktstart aktivieren. Ein Service, den in Zukunft mit Sicherheit auch Konsolenplattformen wie PlayStation Network und Xbox Live verstärkt bieten werden. Und auch offline, also im Handel, kommen Spieler selten zu kurz. Regelmäßig berichten Konsumenten davon, dass sie neue Werke schon ein paar Tage vor dem offiziellen Erscheinungstermin im Geschäft erwerben konnten.

Anreize für Vorbesteller

Das wissen natürlich auch die Herausgeber, weshalb sie in den vergangenen Jahren neue Anreize geschaffen haben, Spiele vorzubestellen. In der Regel umwerben Spielhersteller geneigte Vorbesteller mit Sondereditionen, die je nach Preis von limitierten Spielfiguren, Art-Books bis hin zu Spielzeugautos und vor allem zusätzliche Spielinhalte enthalten können. Für Vorbesteller gibt es einige dieser Sondereditionen mit Zusatzinhalten oft zum Preis der später zum Marktstart erhältlichen Standard-Ausgabe des Spiels. Der Umfang der Bonusinhalte kann von kleineren kosmetischen Anreizen wie schönere Kostüme für die Spielcharaktere bis hin zu exklusiven Mehrspielerkarten enthalten.

Bei größeren Anreizen wie zusätzlichen Multiplayerlevels handelt es sich in der Regel um Inhalte, die Konsumenten auch nachträglich erwerben können. Hersteller wollen ihren Fans den Braten zwar schmackhaft machen, andere Kunden gleichzeitig jedoch nicht verschrecken.

Geduld lohnt sich

Speziell bei Online-Rollenspielen oder MMO-Shootern gehen die Herausgeber immer öfter dazu über, Vorbestellern einen Startvorteil zu verschaffen, in dem sie ihnen beispielsweise exklusiv ein höheres Startkapital in der Spielwährung überstellen. Ein Schritt, der nicht unumstritten ist, da dieser Bonus über einen kosmetischen Eingriff oder eine einfache Rabattaktion hinausgeht und Einfluss auf den Spielverlauf nimmt.

Pro

Letzten Endes hängt es also von den individuellen Anreizen ab, ob sich eine Vorbestellung auszahlt. Weiß man im Vornherein, dass man ein Spiel so oder so kaufen wird, weil man ein großer Fan der Serie ist, kann man im Idealfall ein paar Euro einsparen, seinen Spielcharakter mit besonderen Items schmücken, Zusatzlevels gleich zum Start spielen oder sich an Sammelfiguren erfreuen. Händler wie Amazon garantieren Kunden zudem, dass sie bei einer Vorbestellung das Spiel zum niedrigsten Startpreis erhalten, selbst wenn zuvor eine höhere unverbindliche Preisempfehlung ausgeschrieben war. Nicht zuletzt kann es im Endeffekt bequemer sein, den Einkauf vorab erledigt zu haben, weil man sich dann zum Marktstart um nichts mehr kümmern muss.

Kontra

Es gibt allerdings einen wichtigen Faktor, der generell gegen Vorbestellungen spricht. Egal wie renommiert ein Franchise ist, kann man sehr schwer im Vornherein abschätzen, wie gut das finale Produkt letzten Endes sein wird. Zahlreiche Beispiele der jüngeren Vergangenheit machen deutlich, dass es klüger ist, erste Rezensionen oder Spielermeinungen abzuwarten. "SimCity" und "Aliens: Colonial Marines" sahen in den Vorschauen der Presse noch wie sichere Hit-Kandidaten aus, die Tests zeichneten schlussendlich ein anderes Bild. Das lag daran, dass die jeweiligen Hersteller auf Messen und Preview-Events natürlich nicht alles zeigen und damit auch potentielle Schwachstellen kaschieren. Selbst sehr erfahrenen Spieltestern ist es so kaum möglich, vorab die finale Qualität zu prognostizieren - egal wie gut und vielversprechend ein Spiel vor dem Marktstart zu sein scheint.

Wer ein Spiel nicht unbedingt zum Erscheinungstag haben muss und sich ein paar Monate gedulden kann, profitiert zudem nicht selten von reduzierten Preisen oder von nachträglich zusammengestellten Spezialeditionen wie "Game of the year"-Ausgaben, die dann diverse bereits veröffentlichte Zusatzinhalte zum Standardpreis enthalten.

Was haben die Hersteller davon?

Für die Hersteller sind Vorbestellungen so etwas wie der heilige Gral. Der Grund dafür ist ein Marktgesetz, nach dem sich jeder Herausgeber richtet: Je mehr Exemplare in der ersten Woche von einem Spiel verkauft werden, desto besser verkauft sich das Spiel in der vierten Woche. Anders ausgedrückt: Was man zum Start nicht schafft, kann man nachher so gut wie nicht mehr aufholen. Gewiss gibt es Ausnahmen, doch für 99 Prozent der Veröffentlichungen ist das die harte Wahrheit. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb es für Hersteller ausreichend ist, wenn Kopierschutzmaßnahmen nur für wenige Wochen den Crack-Versuchen standhalten. Die ersten vier Wochen sind entscheidend für den Erfolg oder Misserfolg eines Spiels.

Marketing-Tool

Dementsprechend tun Hersteller alles, was in ihrer Macht steht, um die Vorbestellungen anzukurbeln. Dazu gehören nicht zuletzt Gegengeschäfte mit dem Handel. Für Ketten wie Gamespot, Saturn oder Wal-Mart werden eigene, attraktive Vorbesteller-Editionen geschnürt, die Kunden dazu verleiten sollen, sich bei diesen Anbietern ein Spiel zu reservieren. Kann Gamespot damit werben, dass es ein Bonus-Level oder eine Superwaffe zumindest zeitlich exklusiv nur mit der Gamespot-Edition zu bekommen ist, dann erhöht das die Wahrscheinlichkeit, dass Spieler bei Gamespot einkaufen. Im Gegenzug richtet der Händler dem Spielhersteller attraktivere Verkaufsflächen in den Filialen ein und macht so wiederum Werbung für das Spiel. Eine klassische Win-Win-Situation.

Vorbestellungen sind für Spielhersteller letzten Endes auch ein extrem wertvoller Richtwert für das Potenzial eines Produkts. Stellt sich in den Monaten und Wochen vor dem Release heraus, dass ein Werk aufgrund der Vorbestellungen die eigens gesteckten Ziele übertreffen oder nicht erreichen wird, können die zunächst geplanten Marketingausgaben für die Zeit nach dem Start noch angepasst werden.

Charts

Wer einen Einblick in die Dimensionen von Vorbestellungen erhalten möchte, dem seien die wöchentlich aktualisierten Pre-Order Charts von VGChartz für den US-Markt empfohlen. Top-Titel wie "Call of Duty" oder "Assassin's Creed" werden heute von Millionen Fans vorbestellt. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 18.5.2013)

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Über den Blog

Der GameStandard-Blog erscheint jeden Samstag. Redakteur Zsolt Wilhelm gibt darin seine persönliche Meinung zu Spielethemen wieder und blickt hinter die Kulissen des GameStandard. Auf Ihre Meinung ist er ebenso gespannt.

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