"An sich selbst zu spielen ist tabu"

    14. Mai 2013, 17:01
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    Jugendliche sind ist nichts anderes als haargefärbte Albträume außer Kontrolle

    A
    wie ADHS, eine angeblich grassierende, mit schwerer Medikamentenartillerie beschossene Krankheit, die sich epidemieartig ausbreitet, wenn man Kinder zu früh zu lange vor dem Fernseher parkt.

    B
    wie Belohnungsessen. Wenn man einem Kind Erfolg oder Trauer mit Süßspeisen veredelt, wird das Kind in Kilogramm antworten.

    C
    wie Charybdis: strenge und Laissez-faire-Erziehung: Wenn Sie Ihr Kind in diesen Extremen um seine Mitte bringen wollen, sind Sie auf einem guten Weg.

    D
    wie Depression, frühkindliche: Verleugnen Sie den Zustand. Schließlich geht es darum, dass Sie alles richtig gemacht haben, und nicht darum, wie es Ihrem Kind geht. Eine frühkindliche Depression kann man bis weit über die Pubertät mitschleppen.

    E
    wie Einsamkeit: Verleiden Sie Ihrem Kind sämtliche Spielkameraden, in dem Sie ihm vermitteln, es wäre zu gut (oder zu schlecht) für diese Welt. Das Kind wird das mit Klammern belohnen.

    F
    wie Fleisch: Will Ihr Kind kein Fleisch, erzählen Sie von hungernden Kindern und zwingen Sie es. Will Ihr Kind Fleisch, verweisen Sie auf Tierleid und füttern Sie es mit Tofu. Das Wichtigste: Es muss lernen: Bauchgefühl trügt.

    G
    wie Gurt: Was ein echter Draufgänger werden will, wird nicht im Auto angegurtet. Fahrradhelm braucht  kein Mensch. Da müsste man als Elternteil Verantwortung übernehmen.

    H
    wie Haustiere: Schenken Sie Ihrem Kind unüberlegt Haustiere zu Ostern (Hasen) oder Weihnachten (weiße Eulen, wie jene von Harry Potter). Spätestens nach der ersten Urlaubsreise werden Sie im Tierschutzhaus Arbeitsplätze retten.

    I
    wie Igel: Alle Kinder zeichnen gerne Igel. Seien Sie enttäuscht, verlangen Sie etwas korrekt Dargestelltes. Auf den Willen kommt es an, nicht auf die Freude.

    J
    wie Jugendliche(r): Ein haargefärbter Albtraum, aus der Kontrolle geratend. Bestechen Sie mit Geldgeschenken, erstellen Sie Ausgehverbote, vermitteln Sie dem Kind, dass es nicht experimentieren soll, Fehler sind fatal. Nicht vergessen, kräftig Schuldgefühle machen. Das wirkt Wunder.

    K
    wie Kontrolle: das Um und Auf in einer erfüllten Eltern-Kind-Beziehung.

    L
    wie Liebe. Diese muss erst verdient werden. Umsonst gibt es nichts auf dieser Welt. Ihr Kind wird erkennen, dass sein "So sein, wie es ist" nie ausreicht, und lernen, sich in Zukunft dafür zu verbiegen.

    M
    wie Muttergefühle: etwas völlig anderes als V (Vatergefühle), das sollte man oft und eindringlich vorbringen.

    N
    wie Neid: Bringen Sie ihrem Kind beizeiten bei, dass es sich ruhig ärgern kann, wenn ein anderes Kind Dinge erreicht oder geschenkt bekommen hat, die ihrem Kind auch gut gefallen. Solidarität ist ein überschätztes Modell.

    O
    wie Oma/Opa: Erzählen Sie ausgiebig von Konflikten mit Eltern oder Schwiegereltern. Man kann nicht früh genug vor diesen gewarnt werden. So (v)erziehen Sie sich einen mitfühlenden Zuhörer, der allzeit bereit Ihren Problemen lauschen wird.

    P
    wie Pokerface: Emotionen sind überschätzt. Lassen Sie Ihrem Kind die Freude des Ratespiels, was Sie gerade empfinden und ob das, was es tut, auch gut ankommt.

    Q
    wie Querdenker: Das lässt sich abgewöhnen, indem man jede Idee, die sich von neuen Winkeln nähert, von vornherein lächerlich macht.

    R
    wie Rentiere: Fantasie verleitet nur zu unnützem Tagträumen. Man kann schon früh aufklären, dass es keine fliegenden Rentiere gibt. Ebenso wie Einhörner, geflügelte Pferde und der ganze andere entbehrliche Saustall.

    S
    wie Sexualität: ein weites Feld an verunsichernden Methoden. Erster Schritt: An sich selbst zu spielen ist tabu. Schon gar nicht an Gleichaltrigen. Wenn aber Verwandtschaft übertrieben engen Körperkontakt sucht und das Kind dies nicht will, unbedingt jede Abgrenzung ausreden. Die Verwandtschaft könnte sich um Gottes willen kränken.

    T
    wie Talent: Verorten Sie dort Talent, wo das Kind kein Interesse bekundet, Sie selbst aber gerne Karriere gemacht hätten. Machen Sie jenes madig, was das Kind mit Freude erfüllt. Wenn es tanzen will, soll es in den Chor.

    U
    wie Umstände, andere: Sagen Sie oft, wie sehr Sie sich auf etwas Kleines freuen, und betonen Sie, wie schlimm das aktuelle Kind geworden ist.

    V
    wie Vatergefühle (etwas völlig anderes als Muttergefühle), das sollte man eindringlich vorbringen.

    W
    wie Wichtel: gibt es ebenso wenig wie Elfen, Hexen, oben erwähnte fliegende Rentiere.

    X
    wie Xenophobie: Alles von weiter weg als die eigene Haustür ist schlecht. Wozu andere Kulturen kennenlernen, wenn man nicht einmal sich selbst kennenlernen soll.

    Y
    wie Yahoo: Das ist kein Freudenschrei, sondern der Account, den Sie Ihrem Sechsjährigen anlegen sollten. Real Life ist langweilig.

    Z
    wie Zorn, gerechter: Den dürfen Sie, und nur Sie, haben. (Julya Rabinowich, Magazin "Family", 14.5.2013)

    Julya Rabinowich, geboren in Sankt Petersburg, studierte unter anderem an der Universität für angewandte Kunst (Malerei und Philosophie) und lebt und arbeitet als Schriftstellerin und Malerin in Wien. Zuletzt erschien von ihr "Die Erdfresserin" (Deuticke).

    • "Real Life ist langweilig" - Julya Rabinowich.
      foto: corn

      "Real Life ist langweilig" - Julya Rabinowich.

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