Ahmadinejads Kronprinz testet rote Linien aus

Porträt14. Mai 2013, 15:47
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Präsidenten-Intimus Ibrahim Esfandiar Rahim-Mashaei will bei Präsidentschaftwahl antreten - Dem mächtigen Klerus ist er ein Dorn im Auge

Die Bilder der zum Victory-Zeichen gespreizten Finger des scheidenden iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad gingen am vergangenen Samstag um die Welt. Obwohl das Wahlgesetz der Islamischen Republik deren Vertretern die Unterstützung eines bestimmten Kandidaten ausdrücklich verbietet, zeigte sich der umstrittene Präsident bei einer Pressekonferenz in Teheran demonstrativ an der Seite seines langjährigen Protégés Ibrahim Esfandiar Rahim-Mashaei (52). "Ahmadinejad ist Mashaei und Mashaei ist Ahmadinejad", schwor der Präsident seine Anhänger auf Mashaei ein.

Das religiöse Establishment, das im Iran seit der Revolution von 1979 allmächtig und in den vergangenen Jahren zunehmend auf Distanz zu Ahmadinejad gegangen ist, tobt. "Das, was der Präsident hier getan hat, ist kriminell und ich habe alle Schritte eingeleitet, damit sich die iranische Justiz darum kümmert", sagte der Sprecher des Wächterrats, der laut Verfassung über das Antreten der Präsidentschaftskandidaten zu entscheiden hat - und der Ahmadinejads Wahlkampfeinsatz als Affront gegen den Obersten Geistlichen Führer Ali Chamenei interpretiert.

Langjährige Freundschaft

Ahmadinejad und den vier Jahre jüngeren Rahim-Mashaei verbindet eine Jahrzehnte überdauernde Freundschaft. Schon 1984 trafen sich die Lebensläufe der beiden zum ersten Mal. Rahim-Mashaei, damals 24 Jahre alt, studierter Elektroingenieur und als Revolutionsgardist vom Geheimdienst VEVAK nach Kurdistan entsandt, und Ahmadinejad, damals Gouverneur der aserisch dominierten Provinzstadt Khoy, blieben seither eng Seite an Seite. Während Ahmadinejad in den Achtzigerjahren von West-Aserbaidschan aus den Marsch durch die Institutionen antrat, machte Rahim-Mashaei Karriere im Geheimdienst.

Als ihn Ahmadinejad, kaum war er Präsident, in den engsten Führungszirkel der Islamischen Republik hievte, zog Rahim-Mashaei schnell die Missgunst des Klerus auf sich. 2007 wohnte er als Vizepräsident für Kulturerbe und Tourismus während eines Besuchs in der Türkei einer Darbietung von Tänzerinnen bei – für Irans konservative Führungsclique ein Sakrileg. Im Jahr darauf relativierte er zudem die Kriegsrhetorik des Iran gegenüber Israel. Die Völker der USA und Israels seien keineswegs Feinde des Iran. Die "Zionisten", wie das Iranische Regime die Jerusalemer Regierung zu titulieren pflegt, hätten im Falle eines Angriffs auf seine Atomanlagen dagegen "keine Woche mehr zu leben".

Umstrittene Islam-Thesen

Eine Ansprache vor Exiliranern 2010 sorgte abermals bei für Argwohn beim Klerus, der im Iran für gewöhnlich das Monopol in Sachen religiöser Diskurs innehat. Nicht der schiitische Islam, sondern seine postrevolutionäre Staatsideologie solle vom Iran in die Welt getragen werden. Denn: "Ohne den Iran wäre der Islam verloren", holte Rahim-Mashaei aus, der bis dahin schon einen gewissen Hang zur Betonung des vor-islamischen Erbes Persiens gezeitigt hatte. 2009, als Ahmadinejad seinen Adlatus zum Ersten Vizepräsidenten beförderte, wurden die beiden Jugendfreunde - Rahim-Mashaeis Tochter ehelichte Ahmadinejads Sohn - von Ayatollah Ali Chamenei zurückgepfiffen. Binnen einer Woche wurde Rahim-Mashaei seines Amts enthoben und diente dem eben erst in einer umstrittenen Wahl bestätigten Ahmadinejad fortan als Bürochef. 

Das Antreten Rahim-Mashaeis würde in den Augen vieler Kommentatoren die Kluft zwischen den populistischen Nationalisten um Ahmadinejad - der frühere Teheraner Bürgermeister galt vor seiner Wahl als Kandidat der Armen - und den loyalen Unterstützern des Klerus verbreitern. "Anders als die erste Generation der revolutionären Elite, die sich an die Regeln gehalten hat, versucht die Gruppe um Ahmadinejad permanent die roten Linien des Regimes auszutesten", analysiert die US-Iranexpertin Yasmin Alam. "Immer wieder stellt sie sogar die Autorität des Obersten Führers in Frage." (red, derStandard.at, 14.5.2013)

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Gudrun Harrers Analysen: Ahmadi-Nejad pfeift auf das Wahlrecht

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