Hinter rätselhaften "Leoparden-Morden" könnten Geheimbünde stecken

19. Mai 2013, 17:37
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Kasseler Historikerin widmet sich den Hintergründen einer Jahrzehnte andauernden Mordserie mit rund 1.000 Opfern

Eine rätselhafte Mordserie riesigen Ausmaßes verbreitete über Jahrzehnte Schrecken im Afrika der Kolonialzeit. Die Opfer wurden grausam zugerichtet: die Körper zerkratzt und häufig ihrer Organe beraubt. Dem ersten Anschein nach waren dies Spuren einer Leoparden-Attacke, doch Untersuchungen zeigten, dass die Verletzungen von Menschenhand zugefügt wurden. Nach heutigem Wissensstand kamen zwischen 1850 und 1950 rund 1.000 Afrikaner auf diese Weise ums Leben. Eine der Gemeinsamkeiten der Opfer war, dass sie häufig mit den Kolonialherren zusammengearbeitet haben. Die Gerichte der Kolonialmächte verurteilten die Mörder - oder wen sie dafür hielten, doch vieles blieb unklar: Waren sie Einzeltäter? Steckte eine anti-koloniale Guerilla dahinter oder handelte es sich um religiöse Ritualmorde? Ein aktuelles Forschungsprojekt hat zum Ziel, die Hintergründe der so genannten Leopardenmorde aufzuklären. Eine wichtige Rolle könnten Geheimgesellschaften gespielt haben.

Verhörprotokolle, Gerichtsakten, historische Presseberichte

Die Morde zogen sich über ein riesiges Gebiet von Westafrika bis in den Kongo und nach Ostafrika. Seinerzeit war das Phänomen auch in Europa bekannt und fand Eingang in die populäre Literatur. Nach der Entkolonialisierung gerieten die Leopardenmorde weitgehend in Vergessenheit. Zwar liegen Hunderte von Verhörprotokollen und Gerichtsakten in den Archiven, doch eine umfassende Erklärung der Motive und Hintergründe ist bislang nicht gelungen. Die Kasseler Historikerin Stephanie Zehnle will das nun ändern.

Zehnle geht dafür in die Archive – insbesondere das britische Nationalarchiv in London, wo ein großer Teil der Unterlagen des britischen Colonial Office aufbewahrt wird – und untersuchte Akten und Protokolle. Sie wertet aber auch weitere Quellen aus, darunter historische Presseberichte aus Archiven afrikanischer Staaten. Freilich sind Berichte ebenso wie Akten und Protokolle oft gefärbt – von der Sicht der Kolonialherren auf die Afrikaner, aber auch durch Eigeninteressen der Übersetzer, Gerichtsdiener oder Journalisten.

Leopardenmänner agierten im Geheimen

"Durch die schiere Masse der Quellen lassen sich aber Vergleiche anstellen und Färbungen herausfiltern", ist sich die Wissenschafterin sicher. Zehnle vermutet die Täter in den Reihen der sogenannten Leopardenmänner; diese bildeten Geheimbünde, die in großen Teilen Afrikas verbreitet waren. Die Gruppen übten viele tragende Funktionen der vorkolonialen afrikanischen Gesellschaft aus, von der Rechtsprechung über die Sozialisation junger Männer bis hin zu religiösen Funktionen. Zehnle nimmt an, dass hinter den Taten der Versuch steckte, eine eigene von den kolonialen Herrschern abgekoppelte geheime Gerichtsbarkeit durchzusetzen. Für die Europäer waren die Mitglieder kaum zu identifizieren, gegenüber der Bevölkerung traten sie teils in Erscheinung, viele Rituale fanden aber auch im Verborgenen statt.

"Die Leopardenmänner wurden durch die Kolonialverwaltung in ihrer Rolle und Bedeutung in Frage gestellt", beschreibt Zehnle. "Sie hatten dadurch Anlass zu einer feindseligen Haltung." Zudem gab es Initiationsriten, bei denen die Aufgenommenen aus einem Leopardenfell schlüpften und so symbolisch neu geboren wurden. Das könnte den Leoparden-Spuren an den Mordopfern eine neue Bedeutung geben; sie dienen dann nicht allein der Verschleierung des Mordes, sondern sind auch Zeichen eines Rollenwechsels: Der Täter wird für eine Weile zum Tier und distanziert sich so innerlich von seiner Tat.

Zwei Gesellschaftssysteme im Konflikt

Dieser Erklärungsansatz weist so über das Phänomen der Leopardenmorde hinaus; er zeichnet das Bild des Kampfes zweier Gesellschaftssysteme. Auf der einen Seite die europäischen Kolonialherren mit modernen, arbeitsteiligen Verwaltungen und Rechtssystemen; auf der anderen Seite die vorkolonialen Geheimbünde, die einen umfassenden Anspruch auf viele Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erhoben. Während die Serie der Leopardenmorde mit der Entkolonialisierung endete, ist das Schicksal der Geheimbünde weniger klar. "Interessanterweise hat sich der konstruierte gesellschaftliche Gegensatz modern/vorkolonial fortgesetzt", so Zehnle. "Die ersten postkolonialen Regierungen grenzten sich häufig noch schärfer gegen alles so genannte Unzivilisierte ab als die Europäer." (red, derStandard.at, 19.05.2013)

  • Die sogenannten Leopardenmorde wurden auch in Europa wahrgenommen. Die Skulptur von Paul Wissaert aus dem Jahr 1913 steht im Afrikamuseum Tervuren in Belgien und zeigt, wie sich Europäer die Leopardenmörder vorgestellt haben.
    foto: j.b. burton/rmca/afrikamuseum tervuren

    Die sogenannten Leopardenmorde wurden auch in Europa wahrgenommen. Die Skulptur von Paul Wissaert aus dem Jahr 1913 steht im Afrikamuseum Tervuren in Belgien und zeigt, wie sich Europäer die Leopardenmörder vorgestellt haben.

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