"Wir sind keine Anti-Bayern"

Interview14. Mai 2013, 10:06
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Dortmund-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke über den Weg aus der Krise und die Vormachtstellung des FC Bayern

Hans-Joachim Watzke empfängt uns im Herzen von Borussia Dortmund. Im Sig­nal-Iduna-Park, wo dem BVB sonst mehr als 80.000 Fans zujubeln, ist es an diesem Tag ganz still. Und das ist gut so, denn der Geschäftsführer der Borussia hat viel zu erzählen. Vom Spagat zwischen Bodenständigkeit und Profit, vom revolutionären Plan für einen Fußball, der zum Ruhrgebiet passt, und von Konzernen, die sich wie Mehltau über den Sport legen. Es ist der 16. April - wenige Tage bevor der Wechsel von Mario Götze zu den Bayern öffentlich wird und die Dortmunder Real Madrid im Halbfinale der Champions League mit 4:1 abschießen.

ballesterer: Sie sind CDU-Mitglied und stammen aus der westfälischen Provinz. Kneipe oder Kirche, wo erfährt man mehr über die Menschen einer Region?

Watzke: Ich habe das nie als Gegensatz empfunden. Beides zu seiner Zeit. Ich lebe seit achteinhalb Jahren in Dortmund, komme aber aus dem Sauerland - dort ist vieles katholisch geprägt, der Kirchgang gehört zum Alltag. Früher bin ich erst in die Kirche und dann zum Frühschoppen gegangen. Dort erfährt man sicherlich mehr. Vor allem dann, wenn die Menschen ein bisschen etwas getrunken haben. Heute gehe ich aber nicht mehr häufig in Kneipen.

Ist Borussia Dortmund eine Ersatzreligion?

Watzke: Ich bin vorsichtig mit diesem Begriff. Der BVB ist sicher der größte gesellschaftliche Kitt, den es in Dortmund gibt. Das Gleiche kann die Bundesliga in ganz Deutschland für sich in Anspruch nehmen. Der Einfluss von Organisationen, die früher die Menschen gebunden haben, also Kirchen, Parteien, Gewerkschaften, nimmt immer mehr ab. Über die Bundesliga hingegen spricht jeder, vom Vorstandsvorsitzenden bis zum Rentner. Und in Dortmund gibt es eine besondere Synergie zwischen der Stadt und der Borussia.

Hat das mit der wirtschaftlichen Situation zu tun? Dortmund hat eine Arbeitslosigkeit von fast 13 Prozent, abseits des Fußballs gibt es wenige Dinge mit Strahlkraft.

Watzke: Das Ruhrgebiet ist extrem vom Strukturwandel geprägt: Kohle weg, Stahl weg, Bier weg. In Dortmund haben wir nicht die Freizeitmöglichkeiten wie in Hamburg, München oder Wien. Es gibt keine Alpen und keine Seen. Die Borussia ist das, worauf diese Stadt am meisten stolz ist. Insofern fokussiert sich hier alles auf den BVB.

Inwiefern fühlen Sie sich der Tradition des Arbeiterfußballs verpflichtet?

Watzke: Wir kennen unsere Wurzeln. Borussia Dortmund hat eine hohe soziale Funktion und wird immer für die kleinen Leute da sein. Die knapp 25.000 Stehplätze, die wir pro Spiel anbieten, haben etwas damit zu tun. Wir denken nicht nur wirtschaftlich, sonst könnten wir daraus 15.000 Sitzplätze machen und würden jedes Jahr 5,5 Millionen Euro zusätzlich einnehmen. Bei der Borussia soll sich jeder wohlfühlen. Vom Großaktionär bis zum Ultra und Malocher ist es ein großer Bogen. Aber dem haben wir uns verschrieben, und das kriegen wir auch einigermaßen hin.

Sie setzen sich für den Erhalt von Stehplätzen ein. Gleichzeitig hat die Initiative "Kein Zwanni - Fußball muss bezahlbar sein" in Dortmund ihren Ausgang genommen, für die jüngsten Champions-League-Spiele wurden die Preise erhöht.

Watzke: Der Verein muss einen Spagat machen. Wir wollen bodenständig bleiben, müssen aber auch Geld verdienen. Wenn wir in einem Viertelfinale oder Halbfinale der Champions League stehen, ist das etwas Besonderes. In Madrid hat der Tribünenplatz für das Halbfinale 265 Euro gekostet, bei uns zahlt man für eine vergleichbare Karte 80 Euro. Hier loten wir gerade unsere Grenzen aus. Wer sich die Rosinen herauspickt, muss auch mehr dafür zahlen.

Sind hart erkämpfte Siege wie der gegen Malaga für Dortmund so wichtig, weil diese Tugenden hier besonders hochgehalten werden?

Watzke: Der typische BVB-Fan hat eine andere Erwartungshaltung als der typische Bayern-Anhänger, der vor allem erstklassig unterhalten werden will. Wenn man die Stimmung in den beiden Stadien vergleicht, merkt man das. In Dortmund will der Fan, dass die Mannschaft alles aus sich herausholt, bis zum letzten Atemzug. Genau da haben Sportdirektor Michael Zorc und ich 2007 mit unserem Konzept angesetzt. Wir hatten kein Geld und konnten keinen schönen Fußball versprechen, aber wir wollten einen Stil kreieren, der zum Ruhrgebiet passt. Mit Spielern wie Mats Hummels, Kevin Großkreutz und Marcel Schmelzer wollten wir die Mentalität der Region abbilden.

Sie haben im Vorjahr den deutschen Marken-Award gewonnen. In der Begründung hieß es, der BVB inszeniere ein intensives Fußballerlebnis. Wie viel von dem, was hier stattfindet, ist Inszenierung?

Watzke: Meine Marketingleute haben 2008 gesagt: Wir brauchen ein starkes Image, um wieder etwas Großes aufzubauen. Also haben wir uns mit Mitgliedern und Fans zusammengesetzt, um herauszufinden, was unser Markenkern ist. Die ersten Antworten waren: Tradition, Leidenschaft und Erfolg. Das sagen aber viele über sich, also haben wir uns etwas anderes überlegt. Nach einer langen Diskussion standen drei Punkte fest: innovativ, intensiv und echt. Danach versuchen wir zu handeln.

Was bedeutet das?

Watzke: Innovativ war die Art, wie wir die Mannschaft zusammengestellt haben. In der Meistermannschaft von 2011 standen acht Spieler, die 22 Jahre oder jünger waren - die gelben Lehrlinge. Echt bedeutet authentisch. Beim Bau unseres Trainingsgeländes war von Anfang an klar, dass da alle Platz haben müssen - von der U9 bis zu den Profis. Damit die Kleinen sehen: Da wollen wir hin! Die Marketingabteilung hat darin ein Potenzial erkannt. In Ferienzeiten kommen bis zu 3.000 Leute zum Training. Sie wollten einen riesigen Merchandising-Store. Aber das wäre nicht echt. Am Trainingsgelände soll gearbeitet und ausgebildet werden, da brauchen wir kein Halligalli. Oder nehmen wir die Trikotfrage: Wir verkaufen zwischen 350.000 und 400.000 Trikots im Jahr. Mit einer anderen Farbe könnte es noch einmal einen richtigen Sprung geben. Aber das machen wir nicht. Wir spielen nur in Schwarz-Gelb. Und dafür lassen wir auch einmal ein Geschäft sausen.

Die Entwicklung des BVB in den letzten Jahren wirkt wie am Reißbrett entworfen. Haben Sie sich damals schon das Champions-League-Finale als Ziel gesetzt?

Watzke: Nein. 2005 hatten wir nichts, nicht einmal unsere Selbstständigkeit. Bis September 2006 gab es einen Gläubigerausschuss, der sämtliche Ausgaben genehmigen musste. Wir waren quasi unter Fremdverwaltung. Damals wollten wir einfach nur überleben. Als wir das hingekriegt hatten, gab es zwei Optionen: Entweder wir wurschteln so weiter oder wir machen etwas Revolutionäres. Wir haben uns für Letzeres entschieden. Mit dem Ziel, irgendwann wieder international zu spielen. Dass das so schnell gehen würde, war nicht abzusehen.

Am Tiefpunkt der Krise stand sogar der Zwangsabstieg im Raum. Was wäre aus dem Klub in diesem Fall geworden?

Watzke: Im Februar 2005 sind alle Gläubiger hier im Stadion zusammengekommen, und es war klar: Wenn sie uns nicht mehr Zeit geben, müssen wir Insolvenz anmelden. Vier Wochen später hat es eine ganz ähnliche Situation gegeben. Von unseren 120 Millionen Schulden waren fast 90 überfällig. Bei einer Insolvenz hätten wir den Weg in den Amateurfußball antreten müssen. Wer sagt, so weit wäre es nie gekommen, dem kann ich nur antworten: Das hat es gegeben - zum Beispiel bei Hessen Kassel. Die mussten nach der Insolvenz in die Kreisliga und haben zehn Jahre gebraucht, bis sie wieder in der Regionalliga waren.

Haben Sie keine Angst, wirtschaftlich erneut auf die Nase zu fallen?

Watzke: Das ist völlig ausgeschlossen. Wir sind Realisten und haben uns ein Limit gesetzt: Für sportliche Erfolge wird Borussia Dortmund nie einen einzigen Euro an Kredit aufnehmen. Wir finanzieren unsere Transfers aus dem erwirtschafteten Geld. Es kann sportliche Rückschläge geben, aber solange ich hier etwas zu sagen habe, wird der BVB keine weitere finanzielle Krise erleben.

Wieso hat es bisher kein Verein in Deutschland geschafft, langfristig mit Bayern München zu konkurrieren?

Watzke: Weil es nicht so viele Vereine gibt, die die Möglichkeiten dafür haben. Werksklubs wie Wolfsburg könnten das von ihrem Etat her. Nur legt sich der Konzern wie Mehltau auf den Sport. Fußball funktioniert nicht wie ein Unternehmen. Und Bayern München hatte einen unfassbaren Vorsprung. Als ich gekommen bin, hatten wir 87 Millionen Umsatz und Bayern 300 Millionen. Nächstes Jahr steht es vielleicht 250 zu 400. Also haben wir schon 65 Prozent der Bayern erreicht. Das können außer uns nur Schalke und der HSV schaffen. Wenn sie alles richtig machen.

Inwiefern?

Watzke: Die Borussia hat seit den 1950er Jahren in jedem Jahrzehnt, außer in den 1970ern, Titel gewonnen. Dadurch kriegst du eine bundesweite Ausstrahlung, die außer uns nur Bayern und Schalke haben. Der HSV könnte das wieder erreichen, weil er ein riesiges Einzugsgebiet und eine reiche Stadt hinter sich hat. Bei anderen Klubs ist es schwieriger. Werder Bremen hat es ein paar Jahre gut gemacht, aber die können aufgrund ihrer Struktur und ihres Umfelds niemals 200 Millionen Umsatz schaffen. Und darunter hast du keine Chance, mitzuhalten. Bayern gibt für sein Personal mindestens doppelt so viel aus wie wir. Von daher haben sie eine doppelt so große Chance, am Ende vorne zu stehen. Wir haben das ein paar Mal ad absurdum geführt, aber in dieser Meisterschaftssaison haben sie zurückgeschlagen.

Will sich der BVB als Gegenpol zu den Bayern positionieren?

Watzke: Es gibt an der Linie von Bayern nichts auszusetzen. Sie machen gute Arbeit und sind ein großartiger Verein. Insofern brauchen wir keine Anti-Bayern sein. Wir sind in Dortmund eher im Armenhaus als im Speckgürtel der Republik zu Hause. Bayern hat andere Möglichkeiten. Wir werden sie auf Dauer nicht überflügeln können. Dafür ist das gesamte wirtschaftliche Umfeld dort zu mächtig, und sie machen wenig Fehler. (Johannes Hofer/Simon Weyer/Radoslaw Zak; gekürzte Fassung, die Vollversion lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des ballesterer)

Hans-Joachim "Aki" Watzke (54) leitet seit Februar 2005 die Geschäfte von Borussia Dortmund. Zuvor war er bereits vier Jahre lang Kassier des Vereins. Außerdem ist Watzke Vorsitzender der BVB-Stadionholding. Unter der Führung des Diplomkaufmanns aus dem Sauerland konnten die Dortmunder über 120 Millionen Euro an Schulden tilgen. Watzkes Vertrag wurde im Vorjahr bis Ende 2016 verlängert.

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