Hinterbliebene von Srebrenica: In der Straße der zornigen Frauen

Reportage13. Mai 2013, 18:31
29 Postings

Seit fast zwei Jahrzehnten wohnen Hinterbliebene der Opfer von Srebrenica in einem Flüchtlingslager in Bosnien-Herzegowina. In ihre Heimat können sie nicht zurück, im Lager leben sie, als sei der Krieg noch nicht zu Ende

In drei Häusern gibt es kein Wasser. Vier Familien haben jeweils nur eine Dusche. Der Nachbar ist so traumatisiert, dass er sich zu Tode säuft. Die Zinsen für die Kredite sind in die Höhe geschnellt. Am Rand der Straße stehen ein paar Frauen und schimpfen.

Sie schimpfen über die Gemeinde, die nicht hilft und über den Staat, der sie vergisst. Über die "Internationals", die etwas versprechen und nicht halten, über den Nachbarn, der die Polizei holen will, wenn sie ein Fest feiern. Über die islamische Organisation, die eine Koran-Schule bauen wollte und dann doch nur ein Schild aufhängte. Seit 20 Jahren haben sie nie aufgehört zu schimpfen. Angesichts ihrer Schicksale ist die Kraft, die sie zum Schimpfen aufbringen, ein Lehrstück in Überlebenskunst.

Vertrieben und geflüchtet

Die zornigen Frauen aus dem Flüchtlingslager Spionica in der Nähe von Tuzla in Bosnien-Herzegowina wurden oft in ihrem Leben gedemütigt. Am Beginn des Kriegs wurden sie aus ihren Dörfern vertrieben und flüchteten in die bosniakische Enklave Srebrenica. In der UN-Schutzzone verbrachten sie die folgenden drei Jahre. Am Ende des Kriegs, im Juli 1995, wurden in der ostbosnischen Stadt die Männer, Väter, Brüder und Söhne dieser Frauen ermordet, während sie selbst in Busse gesteckt und weggebracht wurden. Zum Beispiel nach Spionica.

Das Lager besteht aus einer Straße, an der rechts und links kleine rosarote und grüne Häuser stehen. "Es sollte ein Provisorium sein", sagt die 84-jährige Rabija Selimovic. Den Frauen wurde versprochen, dass sie einmal das Wohnrecht bekommen würden oder die Häuser sogar in ihr Eigentum übergehen. Doch nichts davon ist geschehen.

Seit 18 Jahren im Notbehelf

Viele der weiblichen Angehörigen jener muslimischen Männer, die 1995 dem größten Verbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer fielen, leben seit 18 Jahren in diesem Notbehelf, so als wäre der Krieg noch immer nicht ganz zu Ende. Insgesamt gibt es in Bosnien-Herzegowina mit etwa 4,6 Millionen Einwohnern noch immer 113.000 intern Vertriebene. Etwa 7000 haben einen Flüchtlingsstatus und kein Zuhause.

Die 54-jährige Munira Verlasevic ist nach der Flucht aus Srebrenica nach Spionica gekommen. Ihr Mann gilt bis heute als verschwunden. Höchstwahrscheinlich wurde er von den Soldaten Ratko Mladics ermordet. Verlasevic hat etwa 200 Euro im Monat zur Verfügung. Die Frauen der Genozid-Opfer bekommen eine kleine Pension, während jene Frauen, deren Männer flüchten konnten, gar nichts bekommen.

Politiker zeigen sich nur vor Wahlen

Wenn es Wahlen gebe, würden manchmal Politiker auftauchen, erzählen die Frauen. Doch auch dann geschehe nichts. Manche Frauen pachten mittlerweile eine Parzelle, um Gemüse anzubauen. Die meisten sind hoch verschuldet. Keine hier hat einen regulären Job, einige arbeiten als Tagelöhnerinnen.

Durch die vielen Jahre im Lager hat sich aber eine Gemeinschaft entwickelt. Man hilft sich gegenseitig. Schließlich sitzen hier alle fest und können nicht zurück nach Ostbosnien, in jene Dörfer, aus denen sie eigentlich kommen. Das Gelände dort ist noch immer vermint, die meisten Fabriken sind geschlossen.

Dimije als Erinnerung

Das frühere Leben der Frauen hat 1992 aufgehört und seither hat kein neues begonnen. Das Einzige, das vielleicht noch an das frühere Leben erinnert, sind die Dimije, also die weiten bunten Hosen, die man in Bosnien-Herzegowina nur mehr selten sehen kann.

Anfang der 1990er-Jahre, als der Krieg ausbrach, trugen noch viele Frauen die Dimije. Und die Flüchtlingsfrauen in Spionica tragen sie auch heute noch. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 14.5.2013)

  • Die meisten Menschen im einst als Provisorium errichteten Spionica leben seit fast 20 Jahren hier.
    foto: wölfl

    Die meisten Menschen im einst als Provisorium errichteten Spionica leben seit fast 20 Jahren hier.

Share if you care.