Das Erbe der heimlichen Literaturhauptstadt

13. Mai 2013, 18:03
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Das Literaturhaus Graz verdankt seine Existenz der Kulturhauptstadt 2003. Zum Zehn-Jahr-Jubiläum gelangten zehn Szenen zur Uraufführung

Am Dienstag folgt der Festakt mit Reden von Barbara Frischmuth, Ruth Klüger und Marlene Streeruwitz.

Graz - Das Forum Stadtpark hatte lange Zeit auch die Funktion eines Literaturhauses inne: Alfred Kolleritsch, über Jahrzehnte zentrale Figur des Künstlervereins, brachte die Zeitschrift manuskripte heraus, er organisierte Lesungen und Literatursymposien. Die junge Generation rief 1973 als Gegenpol zum PEN-Club die Grazer Autorenversammlung ins Leben, aufgrund der unglaublichen Konzentration von Schriftstellergrößen (von Peter Handke über Wolfgang Bauer bis Gerhard Roth) wurde Graz im Feuilleton zur "heimlichen Hauptstadt deutschsprachiger Literatur" stilisiert.

In der Folge, 1990, gründete der Germanist Gerhard Melzer, der im Forum quasi groß geworden war, das Franz-Nabl-Institut. Es beschäftigt sich mit Aspekten des Literaturgeschehens in der Steiermark. Die Wahl des Namens wurde anfänglich heftig diskutiert: Nabl muss, wie auf der Homepage des Instituts vermerkt wird, "als einigermaßen opportunistischer Nutznießer des NS-Systems eingeschätzt werden, der auch nach 1945 keine klaren Worte zur (eigenen) NS-Verstrickung fand".

Ende der 1990er-Jahre fällte man in Hinblick auf das Jahr 2003, in dem Graz Kulturhauptstadt Europas sein würde, tiefgreifende Entscheidungen: Das Kunsthaus, das von Stadt und Land errichtet wurde, sollte die Funktion des Kulturhauses übernehmen. Und in dessen bisherigen Räumen sollte ein Literaturhaus etabliert werden. Schließlich spielte die Literatur im Forum Stadtpark, das seine Strahlkraft verloren hatte, nach dem Rücktritt von Kolleritsch keine tragende Rolle mehr.

Gelb eingefärbter Beton

Als Leiter kam nur einer infrage, eben der 1950 geborene Handke-Exeget Melzer. Und so wurde sein Nabl-Institut mit der Organisation des Literaturhauses beauftragt. Das ehemalige Stadtpalais in der Elisabethstraße erhielt im Hof einen Zubau aus eingefärbtem Beton vom Architektenteam Riegler Riewe, am 9. Mai 2003 fand die offizielle Eröffnung statt.

Die Konstruktion ist ein wenig komplex. Das Nabl-Institut wird von der Karl-Franzens-Universität, die das Personal zur Verfügung stellt, und vom Land Steiermark finanziert. In den letzten beiden Jahren sank die Subvention des Landes von 90.000 auf 65.000 Euro, heuer gibt es deren 68.000. Melzer lapidar: "Wir sind kein Sonderfall, wir wurden gekürzt wie alle anderen Institutionen auch." Dennoch sei die Situation "fatal": Buchankäufe sind praktisch nicht mehr möglich, die Reihe Dossier über heimische Schriftsteller musste eingestellt werden.

Für den Betrieb des Literaturhauses hingegen ist die Stadt Graz zuständig. Es gab nie eine Inflationsabgeltung, einmal sogar eine Kürzung auf nun 512.000 Euro. Melzer aber klagt nicht: "Dieser Betrag ist ausreichend. Noch."

Man setzt auf Vielfalt, fährt auf mehreren Programmschienen: Es gibt Lesungen und Diskussionen, Theateraufführungen, Ausstellungen und das Kinderliteraturprogramm Bookolino. Die Reihe Premiere widmet sich Neuerscheinungen, die Crimeline dem Kriminalroman, Das eingebildete Ich den literarischen Selbstentwürfen. Zu je einem Drittel kommen die Autoren aus der Region, aus Österreich und dem Ausland.

Melzer bekennt sich zu einer Mischung aus Quote und Qualität, weigert sich aber, Niveaus zu unterschreiten. Selbst in der Krimireihe hätte eine Donna Leon nichts verloren. Natürlich sei man interessiert, die " Big Names" nach Graz zu locken, also einen Orhan Pamuk, Umberto Eco oder Michel Houellebecq. Aber da habe man einen Standortnachteil: Graz, einst heimliche Hauptstadt, liegt nicht auf der Route. Zwei Literaturnobelpreisträger zumindest gaben Lesungen, Herta Müller und Imre Kertész, aber nur weil es zu ihnen persönliche Kontakte gab.

Viel wichtiger war es Melzer, sein Haus als "Ort lebendiger Literaturvermittlung" zu positionieren. Und das ist ihm geglückt: "Wir haben rund 9000 Besucher jährlich, also etwa 65 bis 85 Besucher pro Lesung." Im Vergleich mit dem Literaturhaus Salzburg oder der Alten Schmiede Wien habe man die Nase vorn. Stammpublikum gebe es, sagt Melzer, keines: Die Zuhörerschaft sei extrem heterogen. Dass die Jugend kein Interesse an der Literatur habe, könne er nicht bestätigen: Bei Charlotte Roche (Feuchtgebiete) z. B. sei das Publikum zu 90 Prozent unter 20 Jahren und weiblich gewesen: "Das war Pop!"

Die ersten zehn Jahre feiert man heute, Dienstag, um 19 Uhr mit einem von Standard-Redakteur Stefan Gmünder moderierten Festakt: Barbara Frischmuth, Ruth Klüger und Marlene Streeruwitz setzen sich in Essays mit dem Lesen auseinander. Zudem zeigt man im Mai mehrfach unter dem Titel k ein haus zehn Szenen. Als Autoren konnten u. a. Anselm Glück, Elfriede Jelinek, Monique Schwitter, Clemens J. Setz, Gerhild Steinbuch, Peter Turrini und Josef Winkler gewonnen werden. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 14.5.2013)

 

  • Kennt die Szene wie kein anderer: der Grazer Germanist Gerhard Melzer.
    foto: literaturhaus graz

    Kennt die Szene wie kein anderer: der Grazer Germanist Gerhard Melzer.

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