Gürtel-Boss: Prozess gegen den Buddhisten in der Wiener Rotlichtszene

13. Mai 2013, 17:59
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Sechs Angeklagte und mindesten 43 Verhandlungstage: Zum Auftakt des Prozesses gegen Richard S. und seine angeblichen Handlanger wegen Bildung einer kriminellen Organisation bekannte sich das Sextett großteils nicht schuldig

Wien - "Ich habe mich zum Positiven geändert. Ich lese Dostojewski, meinen Lieblingsautor, bin zum Buddhismus konvertiert und ernähre mich vegan", erklärt Richard S. dem Schöffensenat unter Vorsitz von Stefan Erdei, warum die Anklage gegen ihn "ja Science-Fiction-Geschichten" seien. Dass er also mit seinen fünf Mitangeklagten weder eine kriminelle Organisation betrieben, noch Mitbewerber in der Rotlichtszene erpresst habe.

Bis 2010 soll der 42-Jährige sein Unwesen getrieben haben, wirft ihm Staatsanwältin Susanne Kerbl-Cortella vor. Dann kam er in Untersuchungshaft - aus der er im Vorjahr wieder entlassen wurde. Denn die Anklagebehörde hatte es verabsäumt, innerhalb der U-Haft-Höchstfrist von zwei Jahren eine Anklage zu erheben.

"Gewaltbereites, psychopathisches Monster"

Ein Punkt, der seinem Verteidiger Christian Werner besonders wichtig ist. "Polizeiarbeit läuft normalerweise anders ab, mit einem Mindestmaß an Objektivität", appelliert er an das Gericht.

Die Ermittler des Bundeskriminalamtes hätten S. als "gewaltbereites, psychopathisches Monster" dargestellt - obwohl bei einem großen Lauschangriff auf dessen Büro im Gürtel-Lokal "Pour Platin" und bei Telefonüberwachungen nichts Substanzielles herausgekommen sei. Die Anklage werde wie jene gegen die Tierrechtler in Wiener Neustadt in sich zusammenbrechen, prophezeit er.

Fremdenlegionär, Leibwächter und Soldat

Für jemanden, dem nach mindestens 43 Verhandlungstagen bis zu fünf Jahre Haft drohen, ist S. zu Beginn bester Dinge. Während ihn die Kameraleute auf der Anklagebank aufnehmen, nimmt er mit dem Handy einen Panoramafilm von ihnen, den vollen Zuschauerrängen und den Verteidigern auf.

Als er dann auf dem Anklagestuhl vor dem ruhigen, zum Teil fast jovialen Erdei sitzt, wird er ernster. "Wie kommen Sie zu dieser Rotlichtgeschichte?", will Erdei wissen. S. erzählt von seiner Zeit bei der Fremdenlegion, als Leibwächter und Soldat im Jugoslawien-Krieg, und wie er durch eine Kriegsverletzung zwischen 1992 und 1995 "extrem aggressiv und gewalttätig" gewesen sei.

Nach 18 Monaten Haft sei er aber geläutert gewesen und Buddhist geworden. "Ich habe der Gewalt abgeschworen", beteuert er. Ja, er habe zehn Nachtlokale in Wien und Oberösterreich betrieben, und ja, er habe im Jahr 2002 quasi einen Verein zur Nachbarschaftshilfe namens "Freies Wien" gegründet.

200 bis 700 Euro im Monat

Der sei aber keine Schutzgelderpressung gewesen, wie ihm die Anklage vorwirft, sondern ein Zusammenschluss, in dem Lokalbetreiber zwischen 200 und 700 Euro monatlich eingezahlt hätten, um bei Problemen innerhalb kurzer Zeit Türsteher im Lokal zu haben - die im Dienste von S. standen.

Auch die anderen Angeklagten bekennen sich großteils "nicht schuldig". Peter A. gibt zwar zu, einen Zeugen zum Rapport abgeholt und ihm "ein paar Watschen einighaut" zu haben - jedoch erst, nachdem dieser ihn und seine Begleiter als "Scheißweana, es Trotteln" beschimpft habe.

Frau mit Baseballschläger verprügelt

Interessant wird das Verfahren gegen Sechstangeklagten Andreas B., der eine Frau im Jahr 2004 mit einem Baseballschläger verprügelt und von einem Lokalbetreiber Schutzgeld erpresst haben soll. Sein Rechtsvertreter Robert Lattermann argumentiert in mehrere Richtungen. Erstens habe der einzige Zeuge des Überfalls vier Jahre später bei der Polizei seine Täterbeschreibung drastisch verändert. Und zweitens sei B. am Tattag in Rumänien gewesen, wo er einen Autounfall gebaut habe, was durch ein Versicherungsprotokoll bewiesen werden könne.

Und das Schutzgeld? "Sich selbst zu erpressen geht nicht", sagt der Verteidiger - denn das angebliche Opfer sei nur der Strohmann des Angeklagten gewesen, der in Wahrheit hinter dem Lokal gestanden sei.

Am Dienstag wird fortgesetzt. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 14.5.2013)

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    Richard S. galt bis zu seiner Verhaftung im Jahr 2010 als Wiener "Gürtel-Boss". Dementsprechend groß sind Medien- und Publikumsinteresse am ersten Prozesstag im Wiener Straflandesgericht.

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