Empörung über illegale Pharmatests in der DDR

13. Mai 2013, 17:34
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Ein Bericht über illegale Medikamententests von westlichen Pharmafirmen in der DDR löst in Deutschland Empörung aus. Politiker fordern Aufklärung, Entschädigung für die Betroffenen und juristische Konsequenzen

Dass westdeutsche Pharmafirmen vor 1989 Medikamente an DDR-Bürgerinnen und Bürgern getestet haben, ist nicht neu. Überraschend jedoch ist der Umfang der Versuche. Der "Spiegel" schreibt in seiner aktuellen Ausgabe von Menschenversuchen an 50.000 Patienten in mehr als 600 Kliniken und beruft sich auf bisher unbekannte Akten der Staatssicherheit (Stasi), des DDR-Gesundheitsministeriums und des Instituts für Arzneimittelwesen in der DDR.

Laut "Spiegel" starben bei einem Test des Hoechst-Medikaments Trental (Blutverdünner) zwei Menschen in Ostberlin. Auch in der Lungenklinik Lostau bei Magdeburg kamen zwei Patienten ums Leben, die zuvor mit dem von Sandoz (heute Teil des Novartis-Konzerns) entwickelten Blutdrucksenker Spirapril behandelt worden waren.

Proben an 30 "unreifen Frühgeborenen"

Boehringer-Mannheim (heute Teil der Roche-Gruppe) ließ die als Dopingmittel missbrauchte Substanz Erythropoetin an 30 "unreifen Frühgeborenen" erproben, heißt es in den Akten. Alkoholiker im akuten Delirium bekamen laut Spiegel von Bayer Nimodipin, ein Mittel zur Verbesserung der Hirndurchblutung. Um ihre Einwilligung sollen sie nicht gefragt, ebenso wenig über Konsequenzen aufgeklärt worden sein.

Beide Seiten versprachen sich von den Versuchen Vorteile: Die notorisch finanzschwache DDR bekam hartes Westgeld, die Pharmafirmen mussten sich im Westen nicht mit ethischen Fragen auseinandersetzen.

"Die deutsch-deutschen Pharmatests zeigen, dass die Aufarbeitung der SED-Diktatur ein gesamtdeutsches Anliegen ist", sagt der Leiter der Stasiunterlagenbehörde (frühere "Gauckbehörde"), Roland Jahn.

Schadenersatz im Gespräch

Der Vizechef der CDU/CSU-Bundestagsfratkion, Arnold Vaatz (CDU), fordert eine Erklärung der involvierten Pharmaunternehmen: "Wenn es zu körperlichen Schäden bis hin zur Todesfolge gekommen ist, dann stellt sich die Frage nach Schadenersatz und Ausgleichszahlungen. Und dann ist auch die Frage nach der strafrechtlichen Verantwortung zu beantworten", sagt er in der Berliner Zeitung.

Wissenschafter an der Berliner Charité (dem größten Universitätsklinikum Europas) wollen die Vorwürfe nun untersuchen. Charité-Historiker Volker Hess warnt jedoch vor einer vorauseilenden Skandalisierung: "Ich würde nie von Menschenversuchen sprechen, das ist eine andere Kategorie." Es handle sich um klinische Arzneimittelversuche, die nach gängigen Regeln durchgeführt wurden. Dennoch müssten die Testreihen jetzt untersucht werden. Hess: "Wir wollen prüfen, ob alles mit rechten Dingen zuging." (Birgit Baumann, DER STANDARD, 14.5.2013)

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    Pharmatests von Westfirmen in der DDR werden an der Charité in Berlin untersucht.

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