Kreuze in Schulen: Pluralismus zulassen

Leserkommentar13. Mai 2013, 16:46
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Der Debatte über Kreuze in Schulen fehlt ein profundes Verständnis des Menschenrechts auf Religionsfreiheit

Vor kurzem wurde an einer Wiener Schule die Kreuze abgehängt, da nur eine Minderheit der SchülerInnen christlich ist. Meiner Meinung nach ist es nicht richtig, dass man unter Berufung auf den religiös und weltanschaulich neutralen Staat abzählt, wie viele Kinder welcher religiösen oder nichtreligiösen Tradition zugerechnet werden, und man dann nach Mehrheitsverhältnissen entscheidet, was in der Klasse an der Wand hängen soll. Religionsfreiheit bedeutet nicht, dass eine Mehrheit bestimmt, was zum Beispiel in einer Schule als Religion oder Weltanschauung auftreten darf. Die Konsequenz wäre, dass etwa eine Ikone des serbischen Nationalheiligen Sava oder die Sure Al-Fatiha die Wand zieren könnte, et cetera.

Dass das Wiener Schulgesetz vorsieht, dass sich der schulische Wandschmuck nach einer angenommenen christlichen Mehrheit richtet, ist ein bedauerliches, aber korrigierbares Faktum. Es zeigt, wie unreflektiert in Österreich der Weltanschauungszwang der letzten 500 Jahre immer noch akzeptiert und faktisch exekutiert wird.

Die Bravorufe für die schulische Kreuzabnahme folgen einem traditionsreichen, aber totalitären Denkmuster, dem das Menschenrecht auf Religionsfreiheit fremd ist. Dieses Denkmuster hat Geschichte: Es scheint das Ergebnis von 500 Jahren Zwangskonfessionalität zu sein.

Nach der Reformation erlebte der Protestantismus in Österreich immer wieder Blütezeiten. Doch der Augsburger Religionsfrieden von 1555 legte fest: Im kaiserlichen Herrschaftsgebiet hatten die Untertanen die Konfession des Landesherrn zu übernehmen oder auszuwandern. Von nun an galt religiöse Homogenität als Erweis staatsbürgerlicher Tugend.

Das vielgerühmte Toleranzpatent von 1781 ließ zwar religiöse Vielfalt zu - jedoch nur im Privaten. Nichtkatholische Gotteshäuser durften von außen nicht erkennbar sein. Zwar durfte die protestantische Gemeinde ein aufgelassenes Kloster in der Wiener Dorotheergasse beziehen, doch mussten die drei Kirchtürme des Klosters abgetragen werden. Erst das Protestantenpatent von 1861 gestattete evangelischen Kirchen Erkennbarkeit.

Österreichs Bevölkerung ist heute immer noch mehrheitlich katholisch - Tendenz fallend. Die Mitgliedschaft ist heute freiwillig und kann jederzeit aufgelöst werden. Doch die 500 Jahre strukturell verankerten religiösen Zwangs haben viele offenbar noch nicht wirklich losgelassen. Und auch den Staat nicht wirklich: Die aus der Monarchie stammende Religionsgesetzgebung wurde erst 1988 novelliert.

Religionsfreiheit ist noch jung

Religionsfreiheit ist so gesehen ein junges Pflänzlein in diesem Lande: knapp 25 Jahre alt. Heute gibt es in Österreich 14 anerkannte Kirchen und Religionsgesellschaften, 15 sogenannte Bekenntnisgemeinschaften und eine Vielzahl religiöser Vereine. Allerdings ist das österreichische Religionsrecht noch immer diskriminierend, wie ein Erkenntnis des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte von 2008 festhält. Dass den Bürgerinnen und Bürgern der entspannte Umgang mit Religionsfreiheit und religiösem Pluralismus schwerfällt - wen wundert es, wenn selbst der Gesetzgeber dem nur unzureichend entspricht?

Die aktivistische Debatte über Kreuze in den Schulen demonstriert das wieder einmal. Denn hier soll unter Anrufung des religiös und weltanschaulich neutralen Staates Religionsfreiheit verhindert werden. Dass das Wiener Schulgesetz festsetzt, dass sich religiöse Symbole in der Klasse nach der konfessionellen Mehrheit unter den Schülerinnen und Schülern zu richten haben, heißt nur, dass religiöser Pluralismus hier gar nicht vorgesehen ist.

Die religiös-weltanschauliche Neutralität des Staates kann ja nicht bedeuten, dass Menschen, die sich als religiös verstehen, mit ihren Lebensäußerungen aus der Öffentlichkeit verbannt werden. Das wäre eine Fortsetzung der alten Zwangskonfessionalität unter anderen, quasi-libertären Vorzeichen. "Religiösen Bürgern und Religionsgemeinschaften muss es freistehen, sich auch in der Öffentlichkeit religiös darzustellen, sich einer religiösen Sprache und entsprechender Argumente zu bedienen", schreibt Jürgen Habermas. Dass dies in Anerkennung der Grundsätze von Demokratie und Rechtsstaat geschehen muss, versteht sich von selbst. Die Schule wäre ein spannender Ort, um die Möglichkeiten von religiösem Pluralismus zu erkunden. (Ursula Baatz, Leserkommentar, derStandard.at, 13.5.2013)

Ursula Baatz ist Religionsphilosophin und Wissenschaftsjournalistin in Wien.

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