Der Brecon-Beacons-Nationalpark in Wales

13. Mai 2013, 16:37
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Wales ist steinreich - dank der Minen leistet es sich Märchenschlösser und bis heute den Luxus opulenter Landschaften

Er sagt es mit Augenzwinkern und einem Lächeln, aber dürfte es sehr ernst meinen: "Das ist das wichtigste Gebäude der Welt." Bill O'Keefe zeigt auf den Prachtbau, der sich für tausende Waliser regelmäßig zum Ort der größten Freude oder des tiefsten Schmerzes verwandelt. Es ist keine Kathedrale, kein Turm, ja nicht einmal das in unmittelbarer Nähe gelegene Cardiff Castle aus dem 12. Jahrhundert, sondern die Heimstätte des nationalen Rugby- und Fußballteams: das Millennium Stadium (walisisch: Stadiwm y Mileniwm). 1999 wurde es als weltweit zweitgrößtes Stadion mit Überdachung umgebaut und dominiert seither das historische Zentrum der walisischen Hauptstadt.

Bei einer Besichtigung der Umkleidekabinen wird einem die identitätsstiftende Rolle der Rugby Union in Wales so richtig bewusst. Nicht nur der walisische Tourguide Bill bekommt eine Gänsehaut, wenn die reale Stimmung jubelnder Menschenmassen akustisch simuliert wird und Besucher wie Spieler ins Stadion einlaufen dürfen. Man vergisst den Regen, der sich wie aus Kübeln ergießt, und bestaunt die künstliche Dauerbeleuchtung des Rasens, ohne die das Grün schnell braun werden würde.

Es herrscht - man möchte fast sagen: erwartungsgemäß - nasskaltes Wetter. Wetterunempfindliche Jugendliche schert das nicht, sie schlendern an diesem Sonntag in sommerlicher Kleidung durch die Cardiffer Altstadt, die von Arkadengängen durchzogen ist, in denen sich Cafés mit unverwechselbar britischem Charme, Teegeschäfte, Feinkosthändler und noble Boutiquen aneinanderreihen. Nur unweit davon befindet sich der überdachte Cardiff Market, ein Naschmarkt, wo es frischen Fisch und walisischen Käse gibt.

Schwierig für Spione

Wales, im Osten an England grenzend, hängt als knapp 21.000 Quadratkilometer große Halbinsel am Britischen Eiland. Stets zweisprachige Ortstafeln zeugen seit den 1960er-Jahren vom Selbstbewusstsein der etwa drei Millionen Bewohner; die walisische Sprache (Cymraeg) hat im Gegensatz zum Gälischen in Irland einen hohen Stellenwert und trägt zur Identität und Abgrenzung von England bei. Auf der ganzen Welt sprechen noch etwa eine Million Menschen Welsh als Muttersprache. Im Falklandkrieg der Briten gegen Argentinien 1982 wurden übrigens verhältnismäßig viele Walisisch sprechende Soldaten eingesetzt, nur um dem Feind die Spionage zu erschweren.

Wer sich an der Aussprache versucht, scheitert unweigerlich; das Alphabet kennt zum Beispiel das Doppel-L am Wortanfang, das wie "chl" klingt - und doch nicht ganz. Bemerkenswert ist, dass viele Kinder aus Einwandererfamilien - die meisten kommen aus Somalia und dem Jemen - in walisische Schulen geschickt werden, um bessere Chancen am Arbeitsmarkt zu haben. Das jugendlich-lebendige Cardiff, erst seit 1954 Capital City und eine der am schnellsten wachsenden Städte Großbritanniens, ist etwa eine traditionelle Einwandererstadt. Grund dafür ist der Hafen, der wegen der Kohleindustrie im 19. Jahrhundert der weltweit bedeutendste war.

Die Sonne bricht sich mühsam ihre Bahn durch die Wolken und verwandelt den trüben Tag in helles Licht: Zeit für Burgenbesichtigung, denn auf altes Gemäuer stößt man in Wales zuhauf. Das bekannteste, Cardiff Castle, befindet sich am Rande der Altstadt und am Eingang des Bute-Parks, des größten Stadtparks der britischen Inseln, benannt nach der durch den Kohleabbau steinreich gewordenen Bute-Familie.

Mit Bill, dem studierten Historiker mit der Gabe, Geschichte und Geschichten über sein Land leidenschaftlich und informativ zu verknüpfen, treten wir ein in eine von dicken Mauern umgebene Vergangenheit. Ursprünglich war es ein Römerkastell, später eine normannische Burg und seit Viktorias Zeiten ein märchenhaftes Schloss, dessen prunkvolle Innenräume der exzentrische Stararchitekt William Burges nach gotischem, klassisch-griechischem und arabisch-orientalischem Stil gestaltete; sehenswert ist der Smoking Room, in dem die Herrschaften früher Opium rauchten.

Gruffydd ap Llywelyn sieht rot

Von dieser stilistischen Weltreise beflügelt, finden wir uns im Castle Coch, einem Schloss nur wenige Kilometer außerhalb Cardiffs, in einem richtigen Fantasyrausch wieder. Ende des 19. Jahrhunderts gönnte sich der dritte Marquis von Bute einen Landsitz und beauftragte Burges, die mittelalterlichen Ruinen wieder in allen Farben erleuchten zu lassen. Coch ist das walisische Wort für "Rot" und geht wohl auf das rote Haar des mächtigen Normannenkriegers Gilbert de Clare zurück, der mehrere Burgen bauen ließ, um sich gegen den walisischen Fürsten Gruffydd ap Llywelyn zu verteidigen; um 1270 das ein paar Kilometer weiter nördlich gelegene Caerphilly Castle, die größte und imposanteste Burganlage von Wales. Blumig erzählt Reiseleiter Bill von normannischer Burgbaukunst, von körperlich deformierten Langbogenschützen und von spukenden Gemächern.

Aber genug der Burgen und Schlösser. Wir fahren weiter in den Norden mit dem Ziel Penderyn. Dort, in dem kleinen Dorf am Eingang des Brecon Beacons National Park, befindet sich seit mehr als zehn Jahren die einzige walisische Whiskydestillerie. Auf dem Weg durch sanftes Hügelland und Industrielandschaft (Coal Mine Valleys) kommen wir an ehemaligen Kohleminen vorbei - stille Zeugen imperialistischen Reichtums und Arbeiterelends. Wales kann durch seine früher für unermesslich befundenen Kohlevorkommen nicht nur als Wiege der industriellen Revolution bezeichnet werden, sondern auch als Ursprungsort von Arbeiterprotesten - hier wurde erstmals die rote Fahne zum Zeichen des proletarischen Widerstands geschwungen. Die bergeweise auftretenden Ablagerungen des toten Gesteins sind längst überwachsen, Wälder rar, und der Wind pfeift über Schafwiesen.

Walisischer Whisky also. Eine ungewöhnliche Kombination, denkt man doch bei Whisky von dieser Insel sofort an Schottland. Die eigentlich bis ins Mittelalter zurückreichende Produktion des Welsh Whisky fand vor mehr als 100 Jahren ihr jähes Ende, und die Tradition wurde erst in den 1990er-Jahren wiederaufgenommen. In der privat geführten Penderyn-Destillerie - einer der kleinsten weltweit - fließt seit 2004 Aur Cymru, "walisisches Gold", Prädikat Single Malt, 46 Prozent Alkoholgehalt, etwa fünf Jahre gereift in amerikanischen Eichen-, vollendet in Portweinfässern aus Madeira.

Eine, die sich mit dem edlen Alkohol aus gemälzter Gerste auskennt, ist Nest Llewelyn - in Penderyn kümmert sich die Waliserin mit trockenem Humor um die Gäste und weiht während der Verkostung in das Geheimnis der unterschiedlichen Whiskygeschmäcker ein: Sie kommen vom Torf, Kirschholz und so weiter.

Schutzpatron für schiefe Böden

Gewärmt begeben wir uns westwärts in die Region Pembrokeshire, wo die sanfte grasbedeckte Hügellandschaft an der Atlantikküste schroff abbricht und Buchten sowie weitläufige Sandstrände freigibt. Im 6. Jahrhundert war hier der Heilige David unterwegs, der walisische Schutzpatron, der für das Christentum missionierte. Auf seine Gründung geht die aus rotem Sandstein gebaute Kathedrale zurück, ein imposantes Bauwerk, das ohne Fundament direkt auf die Erde gesetzt wurde und deshalb einen schiefen Boden hat.

Entlang der Küste fahren wir durch Dörfer und Städtchen, aus denen Tenby heraussticht, ein alter Sommerfrischeort mit malerischen Gassen, Bookshops und urigen Pubs. Dort hat William Turner gemalt, dort benetzten sich zu viktorianischen Zeiten Adel und Großbürgertum mit Golfstromwasser, dort boomt auch heute der Tourismus. Und die Gezeiten bewirken durch die Jahrhunderte das immerselbe Naturschaupiel: das Meer hebt und senkt sich hier regelmäßig um bemerkenswerte acht bis neun Meter.

In Wales leben drei Millionen Menschen und elf Millionen Schafe. Bei der Fahrt über die mystisch-zauberhafte Gover-Halbinsel unterhält Bill mit Schafgeschichten, weil die Verwunderung über die blauen Flecken auf ihren Fellen eine große ist: Die mit "guten Genen" ausgestatteten Böcke werden auf dem Bauch blau eingefärbt, hinterlassen dadurch beim Begattungsakt Spuren, und die Bauern wissen, welches Erbgut hier für Nachwuchs sorgte.

Bill fallen noch viele weitere Schaf-Anekdoten ein, die er passenderweise erst im King Arthur erzählt, einem ruralen Pub inmitten einer Schafweide. Wir essen dabei Welsh Faggots, die traditionell zubereiteten Fleischknödel, und trinken Felinfoel-Bier aus der ältesten Brauerei Wales. Bier heißt auf Walisisch übrigens "cwrw". Wer das auszusprechen versucht und während des Trinkens in sein Glas murmelt, bekommt unter Umständen sogar ein wenig Schaum auf sein walisisches Pale Ale. (Sebastian Gilli, DER STANDARD, Album, 11.5.2013)

  • Der Brecon-Beacons- Nationalpark im Südosten von Wales zählt zu den wenigen Unesco-Geoparks. In diesen Gebieten stehen Geologie und Rohstoffe - hier natürlich Kohle - im Zentrum des Interesses.
    foto: visit britain / joe cornish

    Der Brecon-Beacons- Nationalpark im Südosten von Wales zählt zu den wenigen Unesco-Geoparks. In diesen Gebieten stehen Geologie und Rohstoffe - hier natürlich Kohle - im Zentrum des Interesses.

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    Individuelle Flüge von Wien nach Cardiff immer mit einem Zwischenstopp zum Beispiel mit British Airways, Lufthansa, KLM oder Flybe. Über Veranstalter: Prima Reisen bietet Wales-Programme an, die sich aus Vollcharterflügen etwa mit Austrian ab/bis Wien und Rundreisen zusammensetzen; zum Beispiel "Wales - Im Reich des roten Drachen" oder "Autotour Wales - im Land von König Artus". Beide Reisen sind achttägig, inklusive Nächtigung und Frühstück oder Halbpension; die Autoreisen, bei denen der Mietwagen nicht im Preis inkludiert ist, sind am flexibelsten zu buchen; Direktflüge gibt es nur zu bestimmten Terminen; Info: www.primareisen.com

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    Das St. Brides Spa Hotel im Dorf Saundersfoot liegt an der gleichnamigen Bucht im Südosten von Wales mit tollem Blick auf das Meer. Es verfügt - wie der Name nahelegt - über einen großzügigen Spa-Bereich mit Thermalwasser und ist ein guter Stützpunkt für Erkundungen der Region Pembrokeshire. Zimmerpreise mit Frühstück ab rund 180 Euro. Info: www.stbridesspahotel.com Das walisische Fremdenverkehrsamt (www.german.visitwales.com) listet alle verfügbaren Unterkünfte von einfachen Herbergen über Ferienhäuser bis hin zu luxuriösen Hotels auf. Besonders interessant: die ausgesuchten Häuser von Great Little Places (www.little-places.co.uk).

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    Der mehr als 1300 Quadratkilometer große Brecon-Beacons-Nationalpark liegt im Herzen walisischer Schmuckstücke und ist selbst eines: An seinem Rand im Dorf Penderyn geht's in die gleichnamige kleine und einzige walisische Whisky-Destillerie (www.welsh-whisky.co.uk), in Blaenafon führt das sehenswerte Big Pit National Coal Museum in eine stillgelegte Kohlemine (www.museumwales.ac.uk/en/bigpit), und rundherum liegen zauberhafte Dörfer wie Llandeilo oder Talybont-on-Usk. Der Nationalpark selbst ist freilich ein Dorado für Outdoor-Aktivitäten. Infos zu Themenwegen und Angeboten: www.breconbeacons.org

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