Ströck bleibt in Streit um Kollektivvertrag hart

13. Mai 2013, 13:57
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Neben der Mitarbeiter-Einstufung hat der Bäcker eine weitere Baustelle: Eine Befragung der Gewerkschaft zeigt Missstände

Bäcker Ströck gegen die Gewerkschaft - die Kontrahenten sind alte Bekannte. Persönlich aber kennen sich die Beteiligten nicht: Leider sei es der erste visuelle Kontakt zwischen ihm und der Familie, sagte Manfred Anderle, Bundessekretär der Gewerkschaft Pro-Ge, am Montag bei einer Pressekonferenz in Wien. Thema der Stunde: die Arbeitsbedingungen bei der Großbäckerei.

Man habe versucht, sich an einen Tisch zu setzen. Von der Familie Ströck sei aber nur eine Antwort gekommen: Das habe keinen Sinn. Im Februar habe man beim Wirtschaftsministerium Beschwerde eingelegt. Für die Gewerkschaft sei das das einzige Mittel, denn für die Arbeitnehmervertreter steht fest: Der Bäcker beschäftigt seine Mitarbeiter nach dem falschen Kollektivvertrag.

Arbeitsweise unverändert

Sowohl an das Unternehmen als auch an die Adresse der Wirtschaftskammer richtet die Gewerkschaft daher folgende Forderung: Eingestuft werden sollten die Bäcker nach dem Großbäcker-KV, wer im Verkauf tätig ist, nach dem Handelskollektivvertrag. Ströck dagegen setzt auf die Tarifverträge für das Gewerbe und in jüngster Zeit vermehrt auch für die Gastronomie. Rund 600 Mitarbeiter sind laut Gewerkschaft nach dem Gastro-KV beschäftigt.

Eine Stunde zuvor hatte das Unternehmen versucht, das zu erklären. "Unsere Kunden erwarten von einer Bäckerei nicht nur Brot und Gebäck. Kaffee und warme Speisen werden immer stärker nachgefragt", sagte da Geschäftsführerin Irene Ströck. Man versuche, den Wünschen der Kunden entgegenzukommen. Außerdem sei man ein Handwerksbetrieb, schon immer. "Wir sind im Gewerbe-KV, seit es uns gibt", so Familiensprecher Michael Ströck. Die Arbeitsweise habe sich nicht geändert. Es gebe daher auch keinen Grund, die Einstufung des Betriebs zu ändern.

Geringer Lohn und kurze Kündigungsfrist

Allein darauf stelle die Gewerbeordnung aber nicht ab, kontert Barbara Teiber von der Gewerkschaft GPA. Es gebe mehrere Kriterien - etwa die Größenordnung -, und nach Ansicht der Gewerkschaft treffe die Mehrzahl dieser Punkte auf den Backriesen zu.

Karl Proyer, stellvertretender GPA-Bundesgeschäftsführer, rechnet vor: Rund die Hälfte der Bäckereien in Österreich hätten bis zu neun Beschäftigte, nur sehr wenige würden mehr als 250 Menschen beschäftigen. Die Bäckerei Ströck biete rund 600 Produkte an und habe 1.800 Angestellte. Wenn es in Österreich also überhaupt Unternehmen gebe, die sich als Großbäcker bezeichnen könnten, dann gehöre Ströck auf jeden Fall dazu. Der Konkurrent Ölz etwa wende diese Regelung an, obwohl er "nur" rund 800 Mitarbeiter beschäftige. Die Unterschiede für die Beschäftigten: Arbeitszeiten, Nachtarbeit, Lohn und nicht zuletzt die Kündigungsfrist. Nach Gewerbe-Kollektivvertrag betrage diese nur einen Tag - für Proyer stammt das "aus dem letzten Jahrhundert".

"Lohndumping-Konstruktion" Gastro

Die Anwendung des Gastro-Kollektivvertrags sei eine "reine Lohndumping-Konstruktion", kritisiert er, "der Gastro-Bereich ist nicht Hauptzweck bei Ströck, sondern der Verkauf von Bäckereiwaren." Noch dazu seien die Beschäftigten zum Teil gar nicht als Angestellte eingestuft, sondern als Arbeiter. Eine weitere Verschlechterung.

Auch die Familie Ströck hat sich unter die Journalisten gemischt - besser gesagt, sie hatte sich neben die Journalisten gesetzt. Diese Anwesenheit wertet Proyer als "Auftakt zu einer längeren Verhandlungsbeziehung zugunsten der Angestellten". Die Gewerkschaft jedenfalls werde nicht lockerlassen und die Beschäftigten bei der Gründung eines Betriebsrats unterstützen. Man habe gar nichts dagegen, erwidert die Familie Ströck. Die Gewerkschaft spricht aber von einem "betriebsratsfeindlichen Klima" und von der Angst vor Konsequenzen.

Interne Umfrage geplant

Auch eine Umfrage unter den Mitarbeitern wolle man starten, betont Ströck-Personalchefin Eva Planötscher-Stroh - natürlich anonym und durch ein externes Unternehmen. Man biete bei diesem Vorhaben sein Know-how an, zeigt sich die Gewerkschaft kooperativ. Eine solche GPA-Befragung wird bereits ausgewertet. Ende März seien alle Beschäftigten kontaktiert worden, rund 100 haben laut Gewerkschaft geantwortet.

Die häufigsten Kritikpunkte: Arbeitspausen, Diensteinteilung und Bezahlung. Nur 38 Prozent derer, die an der Befragung teilgenommen haben, geben demnach an, die ihnen zustehende Pausen auch regelmäßig nutzen zu können, auch die Einteilung der Dienste erfolgt laut Gewerkschaft Pro-Ge "kurzfristig und einseitig". Eine Planung des Privatlebens sei daher nicht möglich. Die Gewerkschaft weist darauf hin, dass das Gesetz eigentlich zwei Wochen vorsehe und man auch nach Gastro-KV Dienste nicht kurzfristiger als eine Woche zuvor zuweisen dürfe. Auch das werde hier nicht eingehalten.

Bliebe da noch ein Punkt, der Lohn: 85 Prozent jener rund 100 Mitarbeiter, die an der Befragung der Gewerkschaft teilgenommen haben, sind mit ihrem Verdienst unzufrieden, 84 Prozent geben laut Gewerkschaft an, keine Zuschläge für Sonntagsarbeit zu bekommen. Auch Vor- und Nacharbeit würden nicht bezahlt. Diese seien freiwillig. "Und wenn es keine Freiwilligkeit gibt, ist es so, dass sie fliegen. Punkt", so die Pro-Ge. "Sämtliche kollektivvertraglich zustehenden Zuschläge werden bei uns ausbezahlt", kontert Ströck. Es werde niemand entlassen, weil er "freiwillige Leistungen" nicht erbringt. Auch dass Dienstzettel fehlen, stimme nicht, wehrt sich das Unternehmen. Sie habe erst in der vergangenen Woche einen ganzen Stapel unterschrieben, so Personalchefin Planötscher-Stroh.

Vorwürfe ernst nehmen

Die Vorwürfe aber nehme man ernst, man werde jedem einzelnen nachgehen. Zum Teil hält das Unternehmen diese aber für falsch oder aus dem Zusammenhang gerissen. Die Stellplätze am Flughafen zum Beispiel: Die gebe es ausreichend. Man habe auch herausgefunden, wo Mitarbeiter ihre Kleidung selbst kaufen mussten, und das bereits abgestellt. Der Gewerkschaft sei zudem ein Fax zugespielt worden, das die Geschäftsführung an alle Filialen geschickt hat. Der Inhalt: Arztbesuche seien ein Recht.

Ob der Bäcker seine Mitarbeiter tatsächlich nach dem falschen Kollektivvertrag bezahlt oder nicht, prüft derzeit die Schlichtungsstelle des Wirtschaftsministeriums. Diesem Ergebnis werde sich der Betrieb auf jeden Fall fügen, so Michael Ströck. (Elisabeth Parteli, derStandard.at, 13.5.2013)

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    Die Familie Ströck beruft sich auf ihr Handwerk, für die Gewerkschaft handelt es sich um einen Großbäcker.

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    Bisher habe es keine Gespräche gegeben, man sei aber nach wie vor dazu bereit, sagt die Gewerkschaft. Im Bild Karl Proyer, stellvertretender GPA-Bundesgeschäftsführer (li.) und Michael Ströck.

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