Mit Ninjas und Tschetniks durch die Nacht

    Glosse13. Mai 2013, 10:32
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    Einst denke ich, erwachsen ist man, wenn man nachts allein in Zügen aufwacht. Doch Jahre später, als mich der Besitz eines Automobils so richtig erwachsen macht, denke ich, erwachsen ist man, wenn man nachts alleine im Auto nicht einschläft

    Gleich zu Beginn meiner Erfahrung als Autofahrer, knapp drei Monate nach Erlangen des Führerscheins, meine ich bereit zu sein, von Wien nach Split durch die Nacht zu pflügen. Mir fehlt nur der Mut, auf der Autobahn zu fahren. Deswegen fahre ich über den Semmering. Wie einst meine stolzen Ahnen, die erste Gastarbeiter-Generation.

    Seekrank in der Sommerfrische

    Als Fluglotse in Ausbildung ist mir die Wichtigkeit der Navigation bewusst. Deswegen erstelle ich eine Art Waypoint-Liste. Einige Abende vor Abfahrt studiere ich den "Straßenatlas Südeoropa", den ich bei meinem sozialdemokratischen Autofahrerclub erwerbe, und trage die Städte und Dörfer, die auf meinem Weg liegen, in ein Diagramm ein. Zwischen die Namen schreibe ich die Entfernung in Kilometern, eine ungefähre Zeitangabe und die geschätzte Fahrtdauer. Alle Angaben in meiner Liste sind farblich codiert, und das Blatt passt genau auf das Lenkrad, ist stets in meinem Blickfeld und stört nicht beim Lenken.

    Einige Minuten nach der Abfahrt werfe ich einen ersten stolzen Blick auf meine Navigationsliste. Im Licht der Straßenbeleuchtung sind alle Farben nur Grautöne. Und zwar nicht nur in Österreich, sondern, wie ich einige Stunden später lerne, auch in Jugoslawien. Als Wien endlich aufhört und die wilde, ungezähmte Natur der Bundesstraße beginnt, stelle ich fest, dass es im Auto zu dunkel ist, um die Liste zu lesen. Trotzdem weiß ich, dass mein Kurs stimmt, weil bald die Serpentinen zum Semmering schwere Arbeit am servolosen Lenkrad erzwingen und die bescheuerte Liste vor meiner Nase flattert. Nach kurzer Zeit wird mir schlecht, ich halte an und kotze mein Abendessen aus. Die Liste werfe ich in die Dunkelheit, dahin, wo mein Mageninhalt in der Kühle der Frühsommernacht dampft.

    Hotel California

    Für den, der eine feine Nase hat, riecht der Frühling 1990 eindeutig nach Kriegsmöglichkeit im Land der Brüderlichkeit und Einigkeit. Meine Nase verschließt sich noch dieser Prognose, als ich an einem lauen Abend in Wien starte. Beim Anbruch des nächsten Tages stinkt es auch mir. Aber zunächst beiße ich schonungslos routiniert Kilometer aus der Nacht. Up ahead in the distance, i saw a shimmering light, my head grew heavy and my sight grew dim, I had to stop for the night. Und am Straßenrand winkt ein Autostopper mit einer kleinen Batterielampe. Es ist kurz nach Mitternacht.

    Der Autostopper ist ein 19-jähriger Bursche, er hat nur eine Umhängetasche und will nach Zadar. Ihn mitzunehmen scheint eine gute Idee zu sein. Ich teile meinen letzten heißen Kaffee aus der Thermoskanne mit ihm, bin wieder wach, wir brausen durch die Nacht. Nach wenigen Kilometern bin ich sogar hellwach, weil der Bursche, der neben mir sitzt, von Beruf Ninja werden will. In Zadar will er einige Gleichgesinnte treffen, man will besprechen, wie das zu verwirklichen sei. Bisher studiert der Bursche den Beruf des Ninja durch die Literatur. Das sind die kroatischen Ninja-Romane, deren 50 wichtigste und informativste er in seiner Umhängetasche trägt. Danach erfahre ich noch, dass ein Ninja der höchsten Stufe seinen eigenen Körper mit Willenskraft in Brand setzen kann, wenn ihm die Gefangennahme droht. Faszinierend.

    Kurz vor Knin glüht der Horizont. Bald sehen wir eine große Weide, die vom Brand noch glost. Einige Kilometer weiter ist ein Gasthaus, das offen ist, obwohl es schon lange nach Mitternacht ist. Dort sind nur ein Kellner und der Koch. Wir trinken Kaffee, der Bursche textet mich mit Ninja-Tatsachen zu, und ich denke nach, wie ich ihn loswerden kann. Die Männer, die wenig später das Gasthaus betreten, kenne ich nur von historischen Fotos. Sie haben ellenlange Bärte, riesige Schafsfellmützen und knöchellange Mäntel. Um ihre Schultern hängen Flinten, Patronengurte kreuzen die Brust. Ich beschließe zweierlei. Erstens will ich glauben, dass man in der Gegend einen historischen Film über die Četnici (Tschetniks) dreht und jetzt gerade Drehpause für die Komparsen ist. Zweitens werde ich sofort aufstehen und, noch bevor der Ninja aus dem Klo kommt, wegfahren.

    Irgendwo südlich von Knin ist Sonnenaufgang. Bei einer Brücke stehen zwei Panzer der Volksarmee. Bei der nächsten auch.

    Das Wasser des Lebens

    In den Jahren vor dem Krieg ist die Strecke Wien - Split Routine für mich, weil ich mit Kollegen Diensttausch betreibe, so dass ich alle zwei Monate für zwei Wochen nach Sutivan fahre. Immer nachts, immer dieselbe Strecke. Allerdings gibt es damals noch keine Autobahn zwischen Zagreb und Split. Die Welt hört hinter Karlovac auf, der Morgen kommt nach der Lika, mitten im Karst bei Knin. Eingezwängt in eine Klamm, durch die sich die Straße schon Richtung Adria windet, ist die Ruine einer Mühle.

    Die Mühle steht noch, das Wasserrad fehlt, die Kanäle zum Bach sind offen und speien das Wasser des Baches, der die Mühle früher in Gang hält. Ich vermute, dass die Mühle im Zweiten Weltkrieg zur Ruine wird. Das gibt einen angenehmen Schauer, wenn ich in dieser Gottverlassenheit anhalte, alle Kleidung ablege und nackt wenige Meter zum Bach gehe. Hier lege ich mich kurz in die eiskalte Strömung und streife die Nacht völlig ab. Für zwei, drei Stunden bin ich fit. Das reicht bis Split.

    Seit dem Krieg sind viele Jahre vergangen, und die Autobahn Zagreb - Split, noch zu jugoslawischen Zeiten erträumt, ist nun Realität. Doch wer die Mühe nicht scheut und die Autobahn in der Lika verlässt, um auf der alten Strecke nach Knin und Split zu fahren, begegnet einer anderen Realität. Das sind die Minenfelder und Geisterdörfer, die sich wie zertrümmerte Spielzeuge entlang der Straße und der einstigen Frontlinie ziehen. Wenn der Morgen mich hier trifft und ich müde bin, fahre ich von der Autobahn ab und schlafe ein, zwei Stunden im stummen Schatten eines dieser Ruinendörfer. Das reicht dann bis Split.

    Seit einigen Jahren besitze ich kein Automobil mehr. Manchmal fliege ich nach Split. Viel lieber und öfter jedoch fahre ich mit dem Zug. Am liebsten im Restaurantwagen bis Zagreb und dann im Schlafwagen bis Split. Ich stelle den Wecker immer auf halb sechs. Dann ist der Zug im Karst vor Knin. Es riecht nach Rosmarin und Pinienharz. Ich atme. (Bogumil Balkansky, daStandard.at, 13.5.2013)

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      Nach wenigen Kilometern bin ich hellwach, weil der Bursche, der neben mir sitzt, von Beruf Ninja werden will.

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