Baku, der Kleinbus und berechtigte Zweifel

Rezension14. Mai 2013, 07:00
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Christiane Rösinger erzählt in "Berlin - Baku" von einem nicht besonders aufregenden Road-Trip zum Song Contest nach Aserbaidschan

Aserbaidschan hat gewonnen! Als beim Eurovision Song Contest 2011 Ell & Nikki mit ihrem Lied "Running Scared" die "221 Points" für einen sicheren Sieg zusammenhatten, waren wohl viele ratlos. Wie jedes Jahr aus geschmacklichen Gründen, aber diesmal waren es wohl zum noch größeren Teil geografische: Wo um Himmels willen liegt Aserbaidschan?

Auch die Musikerin und Autorin Christiane Rösinger konnte sich unter dem klingenden Namen rein gar nichts vorstellen. Ebenso wenig unter der Stadt Baku, die damit für die Ausrichtung des nächsten Song Contests zuständig wurde. Die leidenschaftliche Autofahrerin mit einer Neigung zu Endlosstrecken ließ deshalb nach einem ersten Blick auf Wikipedia und aufkommendem Fernweh die Idee nicht mehr los: "Da müsste man mal mit dem Auto hinfahren."

Klingt nicht nur anstrengend

Nachdem eine Copilotin gefunden und der nervige Kauf eines gebrauchten Kleinbusses überstanden war, ging es tatsächlich los. Eine beachtliche Route stand Rösinger und Frau Friecke bevor: von Berlin nach Ungarn und über Serbien und Bulgarien bis nach Istanbul. Dann entlang der türkischen Schwarzmeerküste bis zur georgischen Grenze und von dort geradewegs nach Baku. Klingt anstrengend, und wie sich herausstellte, war es das häufig auch. Das andauernde Zweifeln und die schonungslose Mitteilung dieser Zwiespältigkeit sind wohl eines der sympathischsten Stilmerkmale von Rösingers Texten, ob im Lied oder im Buch. "Warum tu ich mir das eigentlich an?", ist auch bei dieser Reise-Unternehmung eine durchaus berechtigte Frage, selbst wenn die Idee erst ziemlich viel Enthusiasmus evozierte. Rösinger ist da nicht dogmatisch.

Gute Idee hin, blöder Einfall her: Rösinger kann von der Reise Geschichten erzählen, die wohl jedeR Reisende in Variationen schon einmal erlebt hat. Doch nur wenige können die Absurdität dieser Zusammenkünfte abseits einer gemeinsamen Sprache und sozialen Logik - die bekanntlich mit Logik nichts zu tun hat - so gut in Worte fassen wie Rösinger. Etwa wenn Rösinger und Frau Friecke mit knurrendem Magen in einem aserbaidschanischen Restaurant stehen und es bis zuletzt ein Rätsel bleibt, warum die Küche trotz deutlicher Hinweise mit Händen und Füßen, essen zu wollen, kalt bleibt. Oder wenn die Angst auf einer holprigen Straße bei wolkenbruchartigem Regen aufsteigt, weil es so aussieht, als wolle es nie mehr hell werden und die Straße immer enger wird, und schließlich die Erleichterung des irgendwo Ankommens. Und nicht zu vergessen das vertraute Unbehagen, wenn Landsleute den Reiseweg kreuzen und die Ignoranz und Dummheit ihrer politischen Ansichten erst in der Fremde in voller Blüte erstrahlen, weil man sich daheim irgendwie schon daran gewöhnt hat.

Brav die Schattenseiten aufgezeigt

Doch trotz dieser geschickten Anknüpfung an Reiseerinnerungen der LeserInnen wird die Tour spätestens ab Istanbul auch erzählerisch zäh. Die lange Fahrt entlang der türkischen Küste bis nach Georgien schlägt sich im Buch nur lustlos nieder. Etwas besser wird es schließlich in Georgien, wo sich der Provinzkaiser von Kasbegi, Wassilli, der beiden Reisenden annimmt und für ein paar schräge Situationen sorgt. Dennoch bleibt es bis zum Ziel in Baku eher träge. Die zwischendurch eingestreuten Informationen über politische Gegebenheiten der jeweiligen Region wirken entgegen dem ansonsten so scharfsichtigen Stil Rösingers pflichtbewusst und brav. Da wurde wohl einer als politisch imaginierten Zielgruppe zu viel Aufmerksamkeit geschenkt, für die von jedem Land die politischen Schattenseiten abgehakt werden müssen.

Mit der Ankunft in Aserbaidschan kommen wieder mehr authentischer Ärger und somit Herzblut ins Spiel - über die grottenhässliche, blank geputzte, seelenlose Innenstadt und das insgesamt recht unsympathische Song-Contest-Drumherum. Aber da ist die Reise auch schon vorbei, die Nerven schon etwas abgestumpft und die Begeisterung über die originelle Idee "Mit dem Auto von Berlin nach Baku" längst verflogen. Wie Rösinger und Frau Friecke sind auch die Lesenden nun schon etwas erschöpft und ermattet. Doch im Gegensatz zu den beiden müssen wir nicht wieder den ganzen Weg zurück, da müssen die Königinnen der Landstraßen ohne uns durch. (Beate Hausbichler, dieStandard.at, 14.5.2013)

Christiane Rösinger
Berlin - Baku
Meine Reise zum Eurovision Song Contest
Fischer-Verlag 2013
224 Seiten, 17,50 Euro

  • Rösinger über Baku: "Da müsste man mal mit dem Auto hinfahren."
    foto: fischer verlag

    Rösinger über Baku: "Da müsste man mal mit dem Auto hinfahren."

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