Unangemessen-Sein in Stichworten

12. Mai 2013, 19:19
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Der Festwochen-Parcours "Unruhe der Form" beschäftigt sich mit dem Unangemessenen als Motiv des Widerständigen

Wien - Es ist ein fieser Keller, in dem die Banker zu ihrer Séance zusammenkommen, um etwas zu materialisieren - und später zum Fetisch zu machen -, was nur virtuell existiert: Als weiße Flüssigkeit spritzt es aus Nase und Mund des Mediums, als wolkige Watte wabert es über ihren Köpfen. Ektoplasma nannten die Spiritisten die Materialisationen, auf die sich Chris Kondek in seiner Definition des Geldes stützt. Seine Videoinstallation "Not All Germans Believe in God, But They All Believe in The Bundesbank" (2013) erzählt von der "Zwangsreligion" Geld, die in einem anderen Video wie ein Geschwür mit dem Skalpell aus einem Körper entfernt wird.

"Ektoplasma als Möglichkeit", beschlagwortet dies Georg Schöllhammer, der gemeinsam mit einem Pool an Kuratoren (u. a. Stefanie Carp, Hedwig Saxenhuber) das Festwochen-Projekt "Unruhe der Form" gestaltet hat. Das im Vorbeigehen hingeworfene Bonmot trifft jedoch den Kern der Sache; zwar weniger den von Kondeks Arbeit, als den des Gesamtkonzepts, das Schöllhammer auch als "kleine Biennale" zwischen bildender Kunst, Performance und Theater bezeichnet. Denn die "Entwürfe des politischen Subjekts", so der Untertitel, zeigt sich im Parcours zwischen Medien, Formaten und Orten (Secession, Akademie der bildenden Künste, freiraum im MQ) als Summe schier zahlloser Möglichkeiten.

"Unruhe der Form" lässt an Festivaltitel wie "Unsicheres Terrain" oder auch "Truth is concrete" denken, wo ebenfalls Repolitisierung und Umbruch verhandelt wurden. Anders als etwa beim Steirischen Herbst geht es nun aber um künstlerische Formen des Widerstands jenseits von Aktivismus. Historisch öffnen dieses Feld des Unangemessen-Seins Július Kollers "Universale Fragen-Olympiade" (1980) mit Disziplinen wie "Idee oder Artefakt?" und "Partizipation oder Boykott?" ebenso wie KwieKuliks kollektives Abarbeiten am "öffentlichen Gesicht" einer Schauspielerin (1971). Stichworte, die sich mit zeitgenössischen Statements zu Kunst aus marxistischer Perspektive (Dmitri Gutov / David Riff) oder dem Menschen als stetem Performer weiterspinnen lassen: "Immer wenn du wach bist, musst du üben. Und wenn du schläfst, musst du davon träumen", lautet der Satz, den man bei Tanja Widmann aufgeschnappt hat.

Das Aufschnappen ist das Dilemma von Formaten wie diesem, das auf Ökonomie, Markt, Subjekt, Tod, auch familiäre wie politische Systeme und deren strukturelle Gewalt abzielt. Affirmative Stichworte zu den Krisen der Gegenwart, die das Publikum bereitwillig abnickt, aber in seiner Ohnmacht zurückbleibt. Es erwartet keine theatrale Inszenierung mit Anfang und Ende, die sicher durch das - der Komplexität der Realität nicht unähnliche - Dickicht bugsiert, und einen zeitlichen und thematischen Interpretationsrahmen gewährt. Das in Seminaren, Lectures, Filmen und Performances ausfransende Format macht das Publikum zum Regisseur: Das Stück ist nur so gut, wie die Weite des eigenen Horizontes. Dabei sehnte man sich nach klaren Ansagen wie jener von Marina Naprushkina: "Bin weg, die Revolution zu starten."

Atmosphäre der Unruhe

Auf das vielleicht nicht ganz unverständliche Anliegen, zu erfahren, was wann wo zu sehen ist, wurde im Performanceteil des Eröffnungsabends nicht wirklich eingegangen. Wahre Wunder hätte ein Ablaufzettel gewirkt.

Der Wind eines nahenden Regengusses sorgte für die geeignete Unruhestimmung beim Auftakt hinter der Secession: Auf einem mobilen Rednerpodest nach einer Konstruktion von Alexander Rodtschenko überzeichnete Performancekünstlerin Carola Dertnig in "Tacheles Speech" den Akt der Ansprache. Mit großen Gesten und getragener Stimme (die ein launischer Verstärker immer wieder abhackte) thematisierte sie den zwischen Verkehrsadern gezwängten Garten als Unort.

Das passte zu den Megafonansprachen zuvor: Denn wenn dieses, jede Stimmform vernichtende Gerät zum Einsatz kommt, ist Sturm und Krise angesagt. Auch hier war der politische Anspruch "Unruhe der Form" perfekt inszeniert. Wer dachte, im Innenraum würde sich kontemplative Ruhe einstellen, hatte nicht mit der Kraft des zur Eröffnung drängenden Publikums gerechnet, dessen Stimmengewirr für die passende Atmosphäre sorgte. Etwa für die Tanzinstallation des deutschen Künstler-Choreografen Tino Sehgal, in der sich Tänzer vor einer Wand auf dem Boden liegend stundenlang nach einem an Bruce Nauman und Dan Graham orientierten Ablauf bewegen.

Mit "Das Unangemessene" ist erstmals eine Arbeit der Spanierin Dora García in Wien zu sehen. Am Eröffnungsabend führten zwei Schauspieler durch den Hauptraum der Secession: an der ausgestellten Kunst vorbei, steuerten sie Leerstellen an. Denn Garcías Thema ist die Figur des Künstlers, der sich weigert, Werke zu schaffen: Größtmögliches Ärgernis in einer produktionsfixierten, servicesüchtigen Gesellschaft. Dank charmant-ironischer Führung wurde aber auch die Erwartung, sich echauffieren zu können, ins Nirwana komplimentiert. Das war wirklich beunruhigend. (Katrin Feßler; Helmut Ploebst, DER STANDARD, 13.5.2013)


Bis 16. 6.

  • Öffentliches Gesicht als Plattform des Kollektiven (KwieKulik), öffentliches Auge des Mobiltelefons als Zielscheibe (Rabih Mroué) und öffentliche Ansage (Marina Naprushkina).
    foto: kwiekulikarchive, bardel, naprushkina

    Öffentliches Gesicht als Plattform des Kollektiven (KwieKulik), öffentliches Auge des Mobiltelefons als Zielscheibe (Rabih Mroué) und öffentliche Ansage (Marina Naprushkina).

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