Reyhanli-Attentate: Türkei nimmt mutmaßliche Bombenleger fest

13. Mai 2013, 10:23
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Nach einem Terrorangriff mit Autobomben in der türkischen Grenzstadt Reyhanli am Samstag meldete die Regierung die Festnahme neun Verdächtiger. Es sollen türkische Staatsbürger sein, die im Auftrag des syrischen Regimes die Tat verübt hätten

Es sieht aus wie ein Stadtviertel in Aleppo nach einem Bombardement der syrischen Armee, aber es ist eine türkische Grenzstadt: eine Trümmerwüste mit verbrannten Autos, verkohlte Häuserwände, aus denen Flammen schlagen, auf den Straßen Menschen, die Verletzte schleppen. Der Krieg in Syrien ist im Nachbarland Türkei angekommen. Zwei Bombenanschläge in Reyhanli - der eine vor der Post, der andere vor dem Rathaus der Stadt - im Abstand von nur wenigen Minuten haben am Samstag mindestens 49 Menschen getötet und mehr als 100 verletzt. Es ist der schwerste Anschlag in der Türkei seit Beginn des Kriegs im Nachbarland vor zwei Jahren.

Schnell melden die Sicherheitsbehörden Erfolge bei der Aufklärung der Sprengstoffanschläge. Keine 24 Stunden nach der Tat treten mehrere Minister in Reyhanli vor die Presse und verkünden die Festnahme von neun Verdächtigen, unter ihnen der Kopf der Gruppe, die den Doppelanschlag ausgeführt haben soll. Es gebe bereits Geständnisse, erklärt Vizepremier Besir Atalay. Die Verdächtigen sind demnach alle türkische Staatsbürger, hätten aber Verbindungen zum syrischen Regime und weitere Anschläge in der Grenzprovinz Hatay vorbereitet. Ankara sieht den syrischen Geheimdienst als Drahtzieher der Tat. Türkische Medien berichteten am Montag, der Anschlag könnte von türkischen Linksextremisten verübt worden sein. Bei den neun am Sonntag festgenommenen Beschuldigten handle es sich um Mitglieder der "Revolutionären Volksbefreiungspartei/-front" (DHKP-C) sowie einer Splittergruppe der "Türkischen Volksbefreiungspartei-Front" (THKP-C).

Syriens Informationsminister Omran al-Sohbi nannte die Anschuldigungen der türkischen Regierung haltlos und "willkürlich". "Unsere Werte erlauben uns so etwas nicht", sagte er der Nachrichtenagentur AFP zufolge in einer Pressekonferenz in Damaskus.

Wichtiger Stützpunkt

Bereits im Februar war der bei Reyhanli liegende Grenzübergang Cilvegözü Schauplatz eines Bombenanschlags. Zehn Syrer und vier Türken kamen damals ums Leben. Über Cilvegözü läuft ein großer Teil der Hilfslieferungen in das von den Rebellen kontrollierte Gebiet in Syrien; Aleppo ist nur 50 Kilometer entfernt. So kommt es, dass Reyhanli ein wichtiger Stützpunkt für die syrische Opposition und Anlaufstelle für viele Flüchtlinge ist. Verletzte werden dort behandelt, Lebensmittel- und medizinische Hilfe koordiniert; Berichte über Waffentransporte weist die türkische Regierung regelmäßig zurück.

"Assads Massaker" titeln viele der türkischen Zeitungen, die am Sonntag im Teehaus oder auf den Frühstückstischen zu Hause liegen, aber auch " Erdogans Werk" oder über großflächigen Fotos von den Schauplätzen der Explosionen in Reyhanli: "Dieses Bild ist das Werk der Regierung". Linksstehende wie rechtsnationalistische Parteien und Wähler in der Türkei beschuldigen die türkische Regierung seit langem, mit ihrer lautstarken Politik gegen Assad Sicherheit und Interessen des Landes aufs Spiel zu setzen.

Oppositionsführer Kemal Kiliçdaroglu, der Chef der sozialdemokratisch-nationalen CHP, ist etwas zurückhaltender: Das Volk möge die Ruhe bewahren, sagte er, die Regierung aber müsse ihre Innen- und Außenpolitik überprüfen. Der CHP-Vorsitzende meinte damit nicht nur Ankaras Kurs in der Syrienpolitik, sondern auch den Friedensprozess mit der kurdischen PKK. Gegen den machen die Sozialdemokraten ebenfalls Einwände gelten.

Erdogan reist in die USA

Außenminister Ahmet Davutoglu, der sich am Wochenende zu Gesprächen in Berlin aufhielt, sagte, der Zeitpunkt der Anschläge sei keinesfalls zufällig. Regierungschef Tayyip Erdogan wird am Donnerstag zu Besuch im Weißen Haus in Washington sein. Er drängt die USA zur Waffenhilfe für die syrische Opposition und sieht den Einsatz von Chemiewaffen durch das syrische Regime als erwiesen an. Die "rote Linie", von der US-Präsident einmal sprach, sei schon mehrfach überschritten, erklärte er in einem Interview mit einem amerikanischen Sender.

Nun drohen die Türken nach dem verheerenden Anschlag mit Vergeltung. Wenn erwiesen sei, dass Assads Regime dahinter stecke, werde es dafür bezahlen, erklärte Bülent Arinç, ein anderer Vizeregierungschef, schon am Samstag. Aus Reyhanli wurden zum Teil wütende Reaktionen von Türken gegen Syrer in der Stadt gemeldet. Fenster von Autos mit syrischen Kennzeichen wurden zertrümmert. (Markus Bernath, DER STANDARD/red, derStandard.at, 13.5.2013)

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    Spur der Verwüstung im Zentrum von Reyhanli.

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    grafik: der standard
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