Universität Wien stellt sich ihrer NS-Vergangenheit

12. Mai 2013, 18:44
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Restitution im Fall Guido Adler, der die Musikwissenschaft begründete, und Symposion zur Aufarbeitung

Wien - Guido Adler, 1855 geboren, studierte u. a. bei Anton Bruckner. 1898, nach einem Ausflug in die Juristerei, gründete er an der Universität Wien das Musikwissenschaftliche Institut, das er bis zu seiner Emeritierung 1927 leitete. Er starb 1941. An seinem Nachlass, darunter eine einzigartige Bibliothek und Korrespondenzen mit Johannes Brahms, Gustav Mahler und vielen weiteren Komponisten, zeigten die Nationalsozialisten großes Interesse: Erich Schenk, damals neuer Leiter des Instituts, ließ die Materialien eigenmächtig sicherstellen. Guido Adlers Tochter Melanie versuchte dies zu verhindern; sie wurde am 20. Mai 1942 nach Maly Trostinec bei Minsk deportiert und dort ermordet.

Der Nachlass wurde filetiert und auf verschiedene Institutionen in Wien aufgeteilt. Nach dem Krieg kam es zwar zur Restitution, aber Schenk und Leopold Nowak, nun Leiter der Musiksammlung der Nationalbibliothek, vertraten die Meinung, dass die Ausfuhr der Materialien einen empfindlichen Verlust für Österreich darstellen würde. Nowak war, wie Schenk, 1941 maßgeblich an der Enteignung beteiligt gewesen.

Ein Teil des Nachlasses verblieb in der Folge im Archiv der Uni; man kann davon ausgehen, dass der in den USA lebende Erbe nach Guido Adler das Einverständnis zur Abtretung "notgedrungen" geben musste, um eine Ausfuhrgenehmigung zu erhalten. Zu diesem Schluss gelangten die Provenienzforscher der Uni Wien rund um Markus Stumpf. Bei ihren Forschungen entdeckten sie zudem 72 Bücher, die bei der Rückstellung 1950 "übersehen" worden sein müssen.

Die Bücher und das Nachlassfragment wurden kürzlich restituiert. Man hätte das Konvolut gerne erworben, sagt Markus Stumpf, doch das Angebot, das man auf Basis eines Gutachtens zum Gebrauchswert machte (5000 Euro), stellte sich als weit zu niedrig heraus: Sotheby's kam aufgrund von Widmungen in den Büchern auf einen Wert von 50.000 Pfund.

Die Provenienzforschung an der Uni Wien begann (erst) 2008. Die Buchautopsie ist abgeschlossen: 400.000 Bücher wurden geprüft, deren 62. 000 gelten als bedenkliche Erwerbungen. Man legte bisher 106 Dossiers an, in zwölf Fällen kam es zu Restitutionen, in 19 weiteren Fällen sucht man (zusammen mit der IKG) nach Erben.

Ausdruck des veränderten Umgangs mit der Geschichte ist das Symposion "Guido Adlers" Erbe, das am Dienstag von 13 bis 19.30 Uhr in der Campus-Aula (altes AKH) stattfindet: Barbara Boisits, Oliver Rathkolb, Fritz Trümpi, Wolfgang Fuhrmann und andere beschäftigen sich mit Adler, der Musikwissenschaft während der NS-Zeit und der kritischen Aufarbeitung. (Thomas Trenkler, DER STANDARD, 13.5.2013)

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