Pakistan gibt Sharif eine dritte Chance

13. Mai 2013, 10:36
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Der Atomstaat Pakistan steht vor einem Machtwechsel. Bei der Parlamentswahl zeichnete sich am Sonntag ein Erdrutschsieg für die Muslim-Liga von Nawaz Sharif ab. Er wird wohl zum dritten Mal Premier

Islamabad/Neu-Delhi - 14 Jahre nach seinem Sturz dürfte der 63-jährige Nawaz Sharif zum dritten Mal Premier von Pakistan werden. Seine Muslim-Liga (PML-N) steuerte am Sonntag auf einen spektakulären Sieg in dem fast 180 Millionen Einwohner zählenden Land zu. Die bisherige Regierungspartei PPP wurde dagegen abgestraft. Sie lieferte sich mit der PTI von Imran Khan ein knappes Rennen um den zweiten Platz.

"Der Tiger brüllt wieder", titelte die Zeitung "Dawn" in Anspielung auf das Logo von Sharifs Partei. Sharif, der sich selbst allerdings gerne " Löwe des Punjab" nennt, stand in den 1990er-Jahren bereits zweimal an der Spitze des Atomstaates, wurde aber beide Male vorzeitig aus dem Amt gekegelt. Nun bekommt er eine dritte Chance. Seine Tochter Maryam sagte, ihr Vater sei politisch gereift. "Er ist ein anderer Mensch."

Pakistans Wirtschaft am Boden

Die Probleme, die vor ihm liegen, sind riesig. Die lange von den USA gestützte PPP-Regierung hat einen Scherbenhaufen hinterlassen. Die Wirtschaft liegt völlig am Boden, die Menschen im Land sind verzweifelt.

Imran Khan, der als Hoffnungsträger der Jugend gilt, blieb zwar hinter den Prognosen zurück, stieg aber mit seiner PTI zur neuen wichtigen Kraft auf.

Unter Sharif dürfte das Land ein Stück vom Westen abrücken. Er will einen Ausstieg aus dem "Antiterror-Krieg" der USA prüfen, deren Drohnenangriffe überdenken und Gespräche mit den Taliban suchen, um den Bürgerkrieg zu beenden.

Schallende Ohrfeige

Der Regierungspartei PPP von Präsident Asif Ali Zardari verpassten die Wähler dagegen eine schallende Ohrfeige - ebenso wie den Taliban. Die Militanten sind die großen Verlierer. Sie hatten mit Selbstmordanschlägen Angst verbreitet, doch die Pakistaner trotzten dem Terror. Die Wahlbeteiligung lag bei über 60 Prozent, so viel wie schon lange nicht. "Pakistan hat den Taliban den Stinkefinger gezeigt!", freute sich der bekannte Journalist Ejaz Haider.

Der Andrang auf die Urnen war so groß, dass die Wahlzeit um eine Stunde verlängert wurde. Alte Männer in Rollstühlen und mit Beatmungsgerät ließen sich zu Wahllokalen schieben. Ein 92-Jähriger gab erstmals seine Stimme ab. Stundenlang standen Frauen geduldig in der sengenden Sonne Schlange. Die 75-jährige blinde Waziran Bibi ließ sich von ihrem Enkel führen, um zu wählen.

Mehr als 130 Menschen getötet

Der Wahlkampf war - anders als der Wahltag - von Gewalt überschattet worden. Mehr als 130 Menschen waren seit Mitte April getötet worden. Trotzdem: "Die Wahlen 2008 waren blutiger", schrieb die Wahlanalytikerin Megan Reif im US-Politmagazin "Foreign Policy". Damals seien 150 Menschen getötet worden. Reif wertete die Gewaltwelle als Zeichen der Schwäche der Militanten.

Tatsächlich schien die Gewalt weniger von dem Ziel geprägt, die Demokratie an sich zu torpedieren, als die Chancen vergleichsweise liberaler Parteien zu schwächen. So attackierten die Taliban systematisch die PPP, ANP und MQM, die die Militanten als säkular betrachten. Als Folge war deren Wahlkampf stark eingeschränkt, was sie dann wohl Stimmen kostete. (Christine Möllhoff, DER STANDARD, 13.5.2013)

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    Nawaz Sharif gab sich bereits bei der Stimmabgabe siegessicher, hatten doch alle Demoskopen einen sicheren Erfolg seiner Muslim-Liga prophezeit. Einem Comeback steht nichts mehr im Weg.

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