Türkei nach den Anschlägen: Die militärische Versuchung

Kommentar12. Mai 2013, 17:53
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Die türkische Außenpolitik ist eine Mischung aus Emotionalität, ungern akzeptierter Realpolitik und einer guten Portion Machtkalkül

Es ist Zeit zu handeln, hat Ahmet Davutoglu nach den Bombenanschlägen in der türkischen Grenzstadt Reyhanli verkündet. Das aber sagte der türkische Außenminister auch schon vor Reyhanli. Nicht länger reden, sondern in Syrien intervenieren, heißt sein Stehsatz für die internationale Gemeinschaft. Nach dem Terrorakt gegen die türkischen Stadtbewohner und angesichts der Möglichkeit weiterer Anschläge auf türkischem Boden ist das nur verständlich. Doch bisher ist die türkische Regierung immer noch vor einem militärischen Abenteuer in Syrien zurückgeschreckt. Die Regierungen im Westen hat sie dafür der Schwäche angeklagt.

Was also wollen die Türken? Den Krieg in Syrien im Handstreich beenden, das Assad-Regime durch eine Muslimbrüder-Regierung aus der Retorte ersetzen. Das eine scheint wenig wahrscheinlich, das andere wenig vertrauenserweckend. Türkische Außenpolitik ist eine Mischung aus Emotionalität, ungern akzeptierter Realpolitik und einer guten Portion Machtkalkül: Weder die kommenden Wahlen in der Türkei noch der Friedensprozess mit der PKK, die beide über die Zukunft der Ära Erdogan entscheiden, lassen eine Militärintervention in Syrien zu.

Trotzdem gibt die Türkei zu verstehen, dass sie herzlich wenig vom US-russischen Plan einer Syrienkonferenz mit Regime und Opposition hält. Nach den Bomben in Reyhanli kann man ihr es nicht verdenken. Zähe Diplomatie aber ist immer noch besser als ein schneller Schritt in den Krieg. (Markus Bernath, DER STANDARD, 13.5.2013)

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