Offshore-Leaks: Der seltsame "Medienscoop"

Kommentar der anderen12. Mai 2013, 17:54
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Nach dem "Paukenschlag" dreier Staaten zur Preisgabe von Geheimdaten aus Steueroasen just am Vortag des G-7-Treffens: Das Online-Portal Carta erzählt die Geschichte etwas anders - vor allem mit Blick auf die Frage, warum nicht schon 2010 getrommelt wurde

Es sind also nicht 260, sondern sogar 400 Gigabyte an Geldtransferdaten, die den Behörden zur Auswertung zur Verfügung standen. "Wie erst jetzt bekannt wurde", schreibt die "Süddeutsche Zeitung", "waren die britischen Behörden bereits seit 2010 im Besitz der Unterlagen - offenbar haben sie sie bisher jedoch nicht umfassend ausgewertet." Über den letzten Halbsatz kann man nur milde lächeln. Man darf davon ausgehen, dass die Daten umfassend gesichtet worden sind. Die Reste (das erklärt vielleicht die auffallenden Lücken) bekamen dann die Medien. Die SZ schreibt:

"Erst jetzt ist zu erfahren, dass die Quelle die Daten 2009 den dortigen Behörden angeboten und 2010 auch übergeben hat. Erst danach gelangte die Festplatte in die Hände des Internationalen Konsortiums für investigative Journalisten (ICIJ) in Washington."

Die Geschichte des Medienscoops geht so: Eine ominöse Quelle hat 2011 eine Festplatte mit Daten an den Journalisten Gerard Ryle geschickt. Und zwar in Australien. Die australische Regierung gehörte - wie die britische und die US-amerikanische - zu jenen drei Glücklichen, die die Daten schon besaßen. Ryle wurde im September 2011 Leiter des Journalisten-Konsortiums ICIJ in Washington, das fortan den "Medienscoop" plante. Der deutsche Datenjournalist Sebastian Mondial wurde im März 2012 nach Washington eingeladen und beauftragt, deutsche Medienpartner für den Scoop auszuwählen. Er wandte sich zuerst an die "Zeit", die aber offenbar wenig Interesse zeigte. Der "Spiegel" kam nicht infrage, weil sich Print- und Onlinechef nicht vertrugen. Über John Goetz und Hans Leyendecker fanden die Daten dann den Weg zur "SZ" und zum NDR.

Über meine am 6. April bei Carta (wie auch im STANDARD) veröffentlichten skeptischen "Routinefragen" zu diesem Scoop hat man sich in Kreisen der Beteiligten offenbar sehr geärgert. Wurde mir jedenfalls so mitgeteilt. Ich konnte das teilweise verstehen. Also habe ich mich Mitte April mit Sebastian Mondial getroffen, und er hat mir viele interessante Details über den Ablauf des Scoops erzählt. Meine Veröffentlichung kritisierte Mondial aber weiter entschieden: Es sei unseriöser Journalismus, solche Fragen einfach in den Raum zu stellen, ohne den Beteiligten die Gelegenheit zur Beantwortung zu geben. Nun gut.

Dass die "SZ" und der NDR in bester Absicht großartige Arbeit geleistet haben, steht außer Frage. Die Berichterstattung ist wichtig und überhaupt nicht zu kritisieren. Doch sollten sich Journalisten in Fällen von Whistleblowing immer die Frage stellen, ob und wozu sie eventuell benutzt werden. Dann kämen sie möglicherweise auf die gleichen Fragen.

Es ging bei Offshore-Leaks - so mein Eindruck von Anfang an - um PR für dringende Regierungsangelegenheiten. Man wollte Aufmerksamkeit für ein handfestes Problem erzeugen. Das ist auch gut so. Denn zwischen der Steuerhinterziehung der Reichen und den zur Verarmung führenden Austeritätsprogrammen besteht ein direkter Zusammenhang.

Die todesmutige Weigerung der "SZ" allerdings, die Offshore-Daten an die Regierung herauszugeben, wirkt im Nachhinein ziemlich komisch. Die Daten waren ja offenbar aus Regierungskreisen gekommen.

Warum? Im März 2010 wurde in den USA ein Gesetz verabschiedet, das verhindern soll, dass Steuerpflichtige Geld in ausländische Steueroasen schaffen - der "Foreign Account Tax Compliance Act" (FATCA). Die US-Steuerbehörde setzt das Gesetz seit 2011 mit gebotener Härte um. Und auch andere Länder sollen durch bilaterale Abkommen darauf festgenagelt werden: Am 8. Februar 2012 haben die USA mit anderen Staaten (unter anderem mit Deutschland) eine "Gemeinsame Erklärung" zur Umsetzung von FATCA herausgegeben. Da passt es doch gut, wenn etwas öffentlicher Druck aufgebaut werden kann ... (Wolfgang Michal, DER STANDARD, 13.5.2013)

Wolfgang Michal ist Mitherausgeber des Online-Autorenforums Carta.

Nachlese

Wolfgang Michal: Offshore Leaks: Nur ein paar Routinefragen ...

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    Anfang April berichteten die Medien über das größte Datenleck aller Zeiten. Dass einige Regierungen schon seit drei Jahren über das Material verfügten, erklärt so manche Ungereimtheit.

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