Der gesundgeschrumpfte Song Contest

13. Mai 2013, 18:34
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Malmö will neue Standards setzen. Nachhaltigkeit und Bescheidenheit sind Leitlinien des diesjährigen Eurovision Song Contests

Offiziell treten bei der größten Musikshow der Welt Lieder aus europäischen Länder an, um zu gewinnen, die Trophäe nach Hause zu holen und schlussendlich den Event ein Jahr später als Gastgeber auszurichten. Inoffiziell sieht das aber ganz anders aus. Vor allem seit den megalomanischen Events in Düsseldorf 2011 und Baku 2012 hörte man hinter vorgehaltener Hand oft: "Wir wollen gar nicht gewinnen!" Zu teuer sei so eine Austragung, wird geflüstert. Viele Verantwortliche in den TV-Stationen erinnern sich an 2010, als der öffentlich-rechtliche norwegische Sender NRK gleich auf die Rechte der Fußball-WM verzichtete, weil die Austragung des Eurovision Song Contests zu viel Geld verschlang. Dann wollten die Deutschen - wohl aus politischen Gründen - ordentlich auftrumpfen. Baku setzte mit seiner millionenteuren Crystal Hall noch einen drauf.

Mehr Konzert, mehr Nachhaltigkeit, weniger Show

Das reicht jetzt, dachten sich offensichtlich die Verantwortlichen der EBU (European Broadcasting Union) und des schwedischen Senders SVT. Kleinere Arena, kleinere Stadt, weniger Tage Proben, Pressezentrum erst später eröffnen, usw. Der Song Contest wird 2013 gesundgeschrumpft. So die Idee.

Malmö, bereits 1992 Gastgeber, bot sich an. "In Stockholm wären die Hotels für die Delegationen wesentlich teurer gewesen", erklärt SVT-Produzent des diesjährigen Bewerbs, Martin Österdahl, die Wahl für diese Stadt. Und Malmö nahm die Chance war und präsentiert sich als grüne Stadt. Tatsächlich wurde Malmö zur fünftgrünsten Stadt der Welt gekürt. Der Eurovisions-Zirkus fährt tatsächlich mit Zug, Rad und Bus statt mit Autos oder Taxi. Statt Plastikflaschen mit Wasser gibt es Wasserhähne und jeder bekam eine wiederbefüllbare Trinkflasche. Erhältlich und auffüllbar in der ganzen Stadt.

"Back to the future" nennt Österdahl das Konzept 2013: "Wie kann man die Show weiter entwickeln? Diese Frage stellten wir uns. Wir erinnerten uns an die 1950er Jahre, als eine völlig neue Technologie möglich wurde, nämlich eine Live-Show zeitgleich in ganz Europa. So entstand 1956 der Eurovision Song Contest! Wir ließen uns davon inspirieren und wollen ein Konzert schaffen, ein gesamteuropäisches Konzert." Daher sitzen 2013 vor der Bühne keine Fans mehr. Sie stehen! Damit soll eine Live-Atmosphäre entstehen.

Stefan Zechner, ORF-Delegationschef, findet das Konzept der SVT gut. "Die Atmosphäre in der Halle ist wesentlich intimer und angenehmer als die Riesenbühnen in Baku oder Düsseldorf. Vermutlich wird die Austragung für den SVT auch tatsächlich günstiger." Ob die Kosten für die Delegationen zurück gegangen sind, bezweifelt er allerdings.

Weitere Neuerungen

Als Reminiszenz an die frühen Jahren werden in jeder der drei Show sehr lustige Clips gezeigt, die an die Geschichte des Eurovision Song Contests erinnern. Auch Udo Jürgens wird da eine gewichtige Rolle spielen. Wie das umgesetzt wird ("Merci - You are welcome - Chérie"), verrate ich euch aber noch nicht. Lasst euch überraschen!

Auch in anderen Details unterscheidet sich dieses Jahr grundlegend von vorigen Jahren. Auf den Clips zwischen den Songs sieht man keine Schweden-Werbung, sondern die Künstler und Künstlerinnen. "Wir wollen die persönlichen Geschichten erzählen, und dadurch die Vielfalt Europas", sagt EBU-Chef Jan Ola Sand. Und erklärt auch das Logo dieses Jahres: "Ein Schmetterling hat viele Farben, bleibt aber ein Schmetterling. So wie Europa. 'We are one' ist daher auch das logische Motto 2013."

Auch technisch wird es Neuerungen geben. So werden die Produzenten der Show die Startreihenfolge des Finales festlegen, damit die Show abwechslungsreich wird und dadurch etwa fünf Balladen am Stück verhindert werden. Außerdem werden nicht mehr die Top 10 der Jurys und der Televotings zusammengezählt, sondern alle Plätze - bis zum letzten Platz. Erst dann wird addiert und dadurch ergeben sich die jeweiligen Punkte eines Landes.

Transparenz?

Insgesamt soll dieser Eurovision Song Contest nachhaltig, freundlich und transparent sein, sagte Jan Ola Sand auf der Pressekonferenz heute. Also stellte ich auf der Pressekonferenz der EBU eine ganz einfache Frage: Wie viel hat der Eurovision Song Contest in Baku am Ende gekostet und wie viel wird er heuer vermutlich kosten? Da endete aber offensichtlich die Transparenz, denn die Frage blieb unbeantwortet.

Trotzdem zeigt sich, dass es immer die skandinavischen Länder waren, die dem traditionsreichen Bewerb eine neue Richtung gaben: 1992 wurde in Malmö erstmals die Fankultur Teil des Bewerbs, 2000 in Kopenhagen wurde der Song Contest erstmals ein Mega-Event in einer Riesenhalle, 2013 wird offensichtlich wieder gesundgeschrumpft. Möge die Übung gelingen! (Marco Schreuder, derStandard.at, 13.5.2013)

  • Malmö Arena, keine Crystal Hall.
    foto: marco schreuder

    Malmö Arena, keine Crystal Hall.

  • Das Rathaus in Malmö mit nachhaltigem Song-Contest-Konzept.
    foto: marco schreuder

    Das Rathaus in Malmö mit nachhaltigem Song-Contest-Konzept.

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