Iran: Statt Bücherverbrennung Internetzensur

10. Mai 2013, 19:56
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1933 wurden von den Nazis auf dem Scheiterhaufen Bücher verbrannt - Heute wird der Internet-Zugang im Iran blockiert

1823 schrieb Heinrich Heine: "Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen." Am 10. Mai 1933 war es soweit. In den Zentren von zunächst 22 deutschen Städten wurden auf riesigen Scheiterhaufen Bücher verbrannt. Das ist nun 80 Jahre her. Alles vorbei, nicht nur hier auch anderswo?

Zehntausende Bücher und Schriften von den Nazis missliebigen Autoren wurden damals in die Flammen geworfen: Karl Marx, Kurt Tucholsky, Siegmund Freud, Heinrich Mann, Erich Kästner, auch Heinrich Heine. 94 Autoren standen auf der schwarzen Liste jener braunen Akademiker, die diese "Aktion wider den undeutschen Geist" organisiert und koordiniert hatten – im Namen der "Reichsleitung der deutschen Studentenschaft". Studiosi skandierten so genannte Feuersprüche: "Gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat", "gegen Verfälschung unserer Geschichte", gegen "volksfremden Journalismus demokratisch-jiddischer Prägung". Breit war die Palette der Schmährufe und widerlich. Es war ein regnerischer Tag. Mit Benzin wurde dem Feuer, das nicht brennen wollte, nachgeholfen.

Heute bedienen sich autoritäre Regime anderer Mechanismen, um "verbotene Literatur" unzugänglich zu machen. Aktionen inhaltlich vergleichbarer Art werden auch nicht an die große Glocke gehängt, sie geschehen im Hintergrund. Unbemerkt von der Bevölkerung, die auf diese Art und Weise gar nicht die Gelegenheit hat, mit "Gesinnungslumperei", "politischem Verrat" oder angeblicher Geschichtsverfälschung in Berührung zu kommen, oder gar nachzulesen. Weniger gedruckte Bücher als vielmehr per Internet verbreitete Schriften stehen auf der Abschussliste.

Ein Beispiel: Iran. Dort stehen im Juni Präsidentschaftswahlen an. Deshalb bitte nur keine politischen Wellen. Seit knapp einer Woche sind deshalb auch die Tools Kerio und OpenVPN blockiert, die über Umwege einen relativ freien Internet-Zugang ermöglichten. Seit dem 4. Mai gibt es via Internet nur noch gefilterte Informationen.

Am selben Tag wurde Ali Gahazali, der Herausgeber der regierungskritischen website "Baztab Emrooz news" in Polizeiverwahrung genommen. Er sitzt im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis ein. Ali Gahazali habe, so wird ihm vorgeworfen, falsche Information veröffentlicht, um die öffentliche Meinung aufzuhetzen. Die Website selbst war bereits am 29. April abgedreht worden. Tags zuvor hatte www.baztab.net wohl recherchiert über mögliche Wahlmanipulationen seitens der präsidialen Administration berichtet.

Im Sicherheitstrakt des Evin-Gefängnisses sind derzeit auch die Journalisten Said Madani, Siamak Ghadery und Abedini Nazar inhalftiert. Seit knapp drei Wochen leben sie in Isolationshaft, sind aller Rechte beraubt. Die Liste inhaftierter iranischer Journalisten und Blogger lässt sich im Handumdrehen mit gut 50 anderen Namen ergänzen. Sie alle hatten im Sinne dessen geschrieben, was in Teheran wohl "uniranische Geist" genannt werden dürfte. Aus der Sicht jener, die die "iranischen Geister" riefen – was immer unter diesen zu verstehen ist. (Rubina Möhring, derStandard.at, 10.5.2013)

  • Tweets zur Internetzensur im Iran vom 10.5.2013.
    twitter-screenshot: derstandard.at

    Tweets zur Internetzensur im Iran vom 10.5.2013.

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