"Wir holen uns die Bücher zurück"

10. Mai 2013, 17:50
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Die Literatur hunderter Autoren wurde in der Nazizeit auch aus Schulbibliotheken entfernt - Grazer Schüler starteten "Rückholprojekt"

Graz - "Was lest ihr denn so?" Die Blicke der Jugendlichen wandern haltsuchend in der Bibliothek herum. "Ähhh, Harry Potter, ja, Harry Potter haben wir alle gern gelesen". "Na ja, Fantasy-Sachen halt", übertönt eine Schülerin aus der zweiten Reihe das Gemurmel. "Auch Hemingway", wagt sich noch jemand heraus, "und auch Zweig und Werfel".

Zweig und Werfel: Das hat seinen Grund. Vor einigen Wochen haben 24 Schülerinnen und Schüler der vierten Klasse in der Grazer Ortwein-Kunstschule begonnen, tiefer in die Literatur einzutauchen, sie öffneten die ehemaligen "Giftschränke" der Nazis und holten "Verbotenes" aus den Archiven des Austrofaschismus.

Die Klasse, die sich vor einigen Tagen hier in der Schulbibliothek zur letzten Besprechung für ihr Buchprojekt traf, hatte beschlossen: "Wir holen uns die Bücher zurück." In einem mehrwöchigen Projekt stöberten die 16 und 17 Jahre alten Schüler der Ortweinschule in den Archiven und Bibliotheken der Stadt, um exakt herauszufinden, welche Bücher von den Nazis - aber auch schon zuvor von den Sittenwächtern des Ständestaates - aus der Bibliothek ihrer Schule entfernt worden waren. Diese Bücher wollen sie nun der Schule zurückbringen. Stück für Stück. "Sie wollten wissen, wie das denn an unserer Schule war, welche Bücher damals aussortiert wurden. Es hat viele überrascht, dass zum Beispiel 1936 Münchhausen aus den Schülerbibliotheken entfernt wurde, weil er nicht " vaterländisch" genug war", sagt Deutschprofessor und Projektleiter Walter Großhaupt.

"Nur wegen des Judentums"

Die Recherchen mit seinen Schülern im Landesarchiv ergaben schließlich: 1933/34 wurden allein in den steirischen höheren Schulen 67 Bücher von 27 Autoren aussortiert, 1938 waren es 515 Bücher von 266 Autoren.

Am Anfang des Projektes galt es, die Autoren kennenzulernen. Andrea hat sich etwa Werfel vorgenommen, Clarissa Jules Verne oder Melina "den Zweig". Clarissa glaubt, dass Verne wegen seiner "utopischen Gedanken" von den Nationalsozialisten verfolgt worden sei. Unvorstellbar. Andrea ist irritiert, dass Werfels Bücher, wie andere auch, "nur wegen des Judentums" verboten worden sind. "Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass heute so was verboten wird." Das alles sei nur verstehbar "aus der damaligen Ideologie" - wie auch die Sache mit der Sittlichkeit im Ständestaat.

Die Mädchengruppe in der letzten Reihe zitiert Ödön von Horváths Kasimir und Karoline: "Es ist verboten worden, weil es zu wenig sittlich ist. Das war für uns schon komisch. Heute ist das alles ganz normal. Heute kannst du in ein Buch fast alles hineinschreiben, da wird kaum was verboten, es ist wirklich arg, zu sehen, was man damals verboten hat."

"Ich glaube schon, dass es teilweise Sinn macht, Bücher zu verbieten", wendet Klassensprecher Matthias ein. "Mein Kampf zum Beispiel. Aus meiner Sicht sollte man das nicht unbedingt lesen." Oder zumindest mit Altersschranke. Matthias' Sitznachbar hält entgegen: "Ich denke, jeder soll das Recht haben, zu lesen, was er will, es ist seine eigene Entscheidung, ob er es liest oder nicht."

Allen ist klar: Bücher können eine mächtige Rolle in der Geschichte spielen, Bücher beeinflussen Menschen, Bücher haben Macht. "Sie beflügeln das freie Denken", ruft jemand nach vorn. "Das Buch war einmal das große mächtige Medium. Das Internet, Facebook und Twitter sind heute aber viel mächtiger als ein Buch", sagt Matthias.

Auch wenn die alten Dichter anfangs "anstrengend zu lesen", die Stilarten "neu und kompliziert" waren, so ist zumindest für einige in der Gruppe eine Tür aufgegangen. "Wir haben die Texte mit der Zeit besser verstanden", formuliert es eine Schülerin, "ich finde es schon cool, ich hab mir jetzt zwei Bücher von Shakespeare, eines vom Zweig und zwei vom Kafka gekauft. Ich weiß zwar nicht, ob sie mir gefallen werden, aber ich bin jetzt neugierig." (Walter Müller/DER STANDARD, 11./12. 5. 2013)

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