"Man muss lernen, mit Einspruch umzugehen"

Interview10. Mai 2013, 17:42
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Der Gewinner des Retzhofer Dramapreises Ferdinand Schmalz im Gespräch mit seinem Vorgänger, Ewald Palmetshofer

Wien - Ferdinand Schmalz wurde der diesjährige Retzhofer Dramapreis zugesprochen, der seit 2003 vom Verein uniT in Graz ausgelobt wird. Gerhild Steinbuch, Christian Winkler oder Ewald Palmetshofer gehören zu den bisherigen Gewinnern, die mittlerweile im ganzen deutschen Sprachraum Aufmerksamkeit erlangten. Henriette Dushe etwa, Retzhof-Siegerin von 2009, hat soeben den Heidelberger Stückemarkt 2013 gewonnen. Ob solche Preise Erfolgsversprechen sind und wie man im Theaterbetrieb für sich einsteht, besprachen Ewald Palmetshofer und Ferdinand Schmalz, der unmittelbar nach der Preisverleihung zu einer Lesereise nach Leipzig aufbrach und in Wien-Meidling dafür kurz Station machte.

STANDARD: Gratuliere zum Retzhofer Dramapreis für "am beispiel der butter" - Ihr wievieltes Stück?

Schmalz: Das ist mein Debüt. Aber ich habe viel mit Performance-Kollektiven zusammengearbeitet. Dabei sind Texte entstanden, die vorwiegend brachgelegen sind. Dann hab ich beschlossen, mich damit bei uniT zu bewerben.

STANDARD: Herr Palmetshofer, Sie haben mit "sauschneidn" bereits 2005 den Retzhofer Dramapreis gewonnen. Was hat der Preis für Sie bedeutet?

Palmetshofer: Für mich war der Preis ein wichtiger ermutigender Zuspruch, weil ich bis dahin nicht sicher war, ob das, was ich schreibe, auch etwas wert ist. sauschneidn war der erste Text, bei dem ich mich getraut habe, ihn in einem Fachkreis herzuzeigen.

STANDARD: Das Besondere am Retzhofer Dramapreis ist die gemeinsame Reflexion über den Text und die Praxisanbindung. Wie nimmt man als junger Autor diese Konfrontation auf?

Schmalz: Ich habe vor einem Jahr zwei Szenen eingereicht, daraufhin begann ein von Workshops begleiteter Schreibprozess. Bei den Workshops gibt es jeweils zwei Mentoren (eine Gruppe ist in Graz, eine andere in Berlin), erst im Februar waren erstmals Schauspieler beteiligt.

Palmetshofer: Als ich angefangen habe, hat es in Österreich jenseits eines so hochschwelligen Bereichs wie die Werkstatttage des Burgtheaters kaum Nachwuchsförderung gegeben. uniT bzw. der Retzhofer Literaturpreis waren die einzige Stelle, die in einem dem Theater vorgelagerten Bereich, in einem Schutzraum, junge Dramatik gefördert hat. Also eine Auseinandersetzung ermöglicht hat, die noch nicht in der Verwertung stattfindet und noch nicht das Portal hinein in die Institutionen ist. Die Förderlage ist heute zum Glück um vieles besser.

STANDARD: Erstmals den Text einer Öffentlichkeit zu unterbreiten, das beschreiben viele als "Kindesweglegung". Wie war Ihre Erfahrung im semi-öffentlichen Bereich?

Schmalz: Die Gedanken haben eine Plastizität, die man dann in Schrift umwandeln muss, in eine Form mit linearer, zweidimensionaler Beschaffenheit. Insofern war für mich die Praxiserfahrung bei uniT sehr wichtig. Ich habe gesehen: Aha, so steht's auf dem Papier, aber so kommt das bei den Leuten an. Nach all den Prozessen, die man als singulär schreibender Autor durchläuft, ist es schon oft überraschend, wie manches verstanden wird bzw. nicht.

STANDARD: Dann bessern Sie nach?

Schmalz: Man hat das Gefühl, etwas schon sehr explizit formuliert zu haben, und dennoch kommt es überhaupt nicht an. Oder kleine Details werden von den anderen als riesengroß wahrgenommen. Dann gleicht man an, ja.

STANDARD: Wie weit lässt man sich korrigieren?

Schmalz: Man muss lernen, mit Einspruch umzugehen. Im besten Fall ist es so, dass man mit seinen Sachen hinkommt, und nach der Kritik kommt etwas ganz anderes raus. Die Kritik versteht sich nicht als Aufforderung, etwas so oder so zu schreiben.

Palmetshofer: Für mich ist das keine "Kindesweglegung". Das ist im besten Fall eine geteilte Schwangerschaft, das Kind ist nicht geboren, wenn der Text fertiggeschrieben ist. Das ist nun einmal die Situation dieser Kunstform, da braucht man auch nicht traurig zu sein und sich die Haare zu raufen. Der Text ist nicht das Theater.

STANDARD: Besteht die Gefahr, dass Sie mit dieser Form reflektierten Schreibens Eigenständigkeit einbüßen?

Schmalz: Ich habe es so empfunden, dass genau meine Eigenständigkeit gefördert wurde. Wo liegt der eigene Ton und wie kann man ihn verstärken?

STANDARD: Sie beide haben eine sehr musikalische Sprache - woher kommt sie?

Schmalz: Um zu einem Problem durchdringen zu können, suche ich eine Sprache dafür. Eine, die die Heftigkeit der Denkprozesse abbildet.

Palmetshofer: Für mich kommt die Musikalität aus der Frage, was mit den Körpern auf der Bühne ist. Dieser Vorgang des Sprechens ist es ja, der diese Kunstform bestimmt. Macht die Sprache etwas mit den sprechenden Körpern? Musikalität führt eine Fremdheit in die Körper ein, die das Probehandeln auf der Bühne deutlich macht, das Experimentelle, Unabsehbare des Handelns.

STANDARD: Kann man als junger Dramatiker finanziell überleben?

Palmetshofer: Theater in Österreich wird insgesamt zwar sehr stark gefördert, aber es bleibt die Frage, inwieweit auch Autoren und Autorinnen an der Förderung der Institutionen partizipieren können. Ich kann finanziell gesehen jeweils nur etwa ein Jahr überschauen. Man kann mit den Tantiemen allein nicht gut planen, weil man im Vorhinein nicht weiß, ob ein Stück gut laufen wird oder nicht. Zugleich besteht die Frage: Wie nah sollte ein Autor, eine Autorin überhaupt an ein Haus gebunden sein, um dennoch künstlerisch unabhängig sein zu können? Wenn ich zu lange zu nah dran bin, schreibe ich mit der dramaturgischen Schere im Kopf und denke zu sehr an Probenprobleme. Wenn man zu weit weg ist, verliert man jenseits der prekären ökonomischen vielleicht aber auch die künstlerische Anbindung und den künstlerischen Dialog.

Schmalz: Es ist schon ein großes finanzielles Risiko, das man als Autor eingeht. Ich habe an meinem Text am beispiel der butter nun zwei Jahre gearbeitet, und es ist nicht gewiss, was am Ende rauskommt. (Margarete Affenzeller, DER STANDARD, 11./12.5.2013)

Ferdinand Schmalz (27), aufgewachsen in Admont, war Regieassistent und hat vor einer Woche mit dem Stück am beispiel der butter den Retzhofer Dramapreis gewonnen. Zwei Tage später belegte er mit "schlammland gewalt" den zweiten Platz beim WDR-Literaturpreis (2000 Einsendungen).

Ewald Palmetshofer (35), geboren in Linz, ist der derzeit erfolgreichste österreichische Dramatiker der jüngeren Generation. Mit räuber. schuldengenital feierte er heuer sein Burgtheater-Debüt.

  • Ewald Palmetshofer und Ferdinand Schmalz (re.) haben sich am Bahnhof Wien-Meidling zum Gespräch getroffen.
    foto: standard/robert newald

    Ewald Palmetshofer und Ferdinand Schmalz (re.) haben sich am Bahnhof Wien-Meidling zum Gespräch getroffen.

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