Die Schmutzwäsche der Moderiesen

10. Mai 2013, 18:21
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Die Zahl der Toten nach dem Fabrikeinsturz in Dhaka steigt auf mehr als tausend. Der Ruf nach sichereren Produktionsbedingungen wird lauter. Bei Protesten im eigenen Land stehen die Arbeiterinnen auf verlorenem Posten

Hasan Ashraf sah die Fabrik auf seinem Weg zur Universität jeden Tag weiter wachsen. Sie war zu großen Teilen illegal erbaut worden, hätte Wohnungen, aber niemals tausende Arbeiter und Tonnen an Maschinen beherbergen dürfen. Tiefe Risse entlang der Mauern hatten schon eine Evakuierung veranlasst. Dass Fabrikanten die Näherinnen am Unglückstag zurück an ihre Arbeitsplätze zwangen, verwundert Ashraf nicht. Am Gebot, immer mehr in möglichst kurzer Zeit zu produzieren, gebe es keinen Weg vorbei. Der massive Zeitdruck und die rigiden Kontrollen haben sich tief in sein Gedächtnis gegraben.

Dissertation über Stress in der Textilarbeit

Der in Dhaka geborene Ethnologe forscht an der Uni Heidelberg am Netzwerk "Asien und Europa". Für seine Dissertation über Stress in der Textilarbeit in Bangladesch heuerte er in seiner Heimat selbst für sechs Monate als Näher an. Er wollte Einblicke erhalten, die Wissenschaftern ansonsten verwehrt blieben, erzählt er dem STANDARD.

Er habe 2010 für ein Mindestgehalt von rund 16 Euro monatlich gearbeitet. Proteste im Land führten dazu, dass es sich seither verdoppelte. Zwölf-Stunden-Schichten waren für ihn Standard, oft sei er nicht vor zehn Uhr abends heimgekommen, habe immer wieder die Nächte durchgearbeitet. Selbst Minuten Verspätung führten zu Lohnabstrichen. Das System basiere auf Ausbeutung von Arbeitskraft, auch sexuelle Übergriffe auf Frauen seien Alltag.

Überlebende gefunden

Am Freitag stieg die Zahl der Toten nach dem Fabrikseinsturz in Bangladesch auf mehr als tausend. Helfer arbeiten sich mit Kränen und Baggern auf immer neue Opfer - fast überwiegend Frauen - vor. Dass zwei Wochen nach dem Unglück eine Frau nahezu unverletzt aus den Trümmern geborgen wurde, grenzt an ein Wunder. Die Serie an Unfällen setzte sich derweil fort. Bei einem Feuer in einer anderen nahen Fabrik starben am Mittwoch acht Menschen.

Einstürze und Brände gehören zum Alttag

Einstürze und Brände von Produktionsgebäuden seien in Bangladesch Alltag, sagt Ashraf. Dass internationale Modemarken über genaue Arbeitsumstände zu wenig Bescheid wüssten, sei schlicht Unsinn. Sie hätten ihre Leute von Anfang an an Ort und Stelle, um die Qualität zu kontrollieren. "Sie kennen die Bedingungen sehr gut, unter denen produziert wird."

In den 90er-Jahren sei viel über Mittelsmänner und Agenturen eingekauft worden. Doch mittlerweile werde vieles direkt abgewickelt. Sich auf intransparente Netze an Sublieferanten auszureden, hält Ashraf für Ausflüchte. Und ob Diskontmarken oder teure Luxuslabels, ob Mode zum regulären Preis oder um 70 Prozent verbilligt: Sie alle entstammten in der Regel gleichen Fabriksstrukturen.

Mehr als eine Million Unterschriften

International haben in den vergangenen zwei Wochen mehr als eine Million Menschen eine Petition unterzeichnet, die Markenerzeuger auffordert, ein Abkommen für Brandschutz- und Gebäudesicherheit in Bangladesch zu unterzeichnen. Gisela Burckhardt vom Non-Profit-Unternehmen Clean Clothes in Deutschland drängt zudem auf Haftungen. Unternehmen könnten nur national belangt werden. "Eine klare Gesetzeslücke." Auf EU-Ebene seien Transparenzrichtlinien für Konzerne mit mehr als 500 Mitarbeitern in der Pipeline. Für Burckhardt sind sie aber zu milde ausgefasst; offen sei, ob es Sanktionsmöglichkeiten gebe.

Umdenken der Branche notwendig

Auch Martina Ertler, Geschäftsführerin des Gremiums Modehandel der Wirtschaftskammer, nennt Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie in Dhaka erschreckend. "Die ganze Branche muss umdenken." Ohne die Verantwortung auf Konsumenten abwälzen zu wollen, müssten aber auch diese Einkäufe stärker hinterfragen. Bei T-Shirts um wenige Euro müsse jedem klar sein, dass dahinter keine hohen Standards und Nachhaltigkeit stecken könnten.

Überlebende des Fabrikeinsturzes, die unter anderem für Benetton, Kik und Primark arbeiteten, fordern Entschädigungen und machen ihrer Wut, ihrem Frust auf den Straßen von Dhaka Luft. Doch lang währten diese Proteste nie, sagt Ashraf. Die Arbeiterinnen seien bitter auf ihre Löhne angewiesen, in Werken organisierte Gewerkschaften rar. Wer sich wehre, riskiere den Job. (Verena Kainrath, DER STANDARD, 11./12.5.2013)


 CHRONOLOGIE: Tödliche Unfälle

Zwischen 1990 und 2012 kam es in Textilfabriken in Fernost zu mindestens 35 Brandkatastrophen mit tausenden Toten. Allein in Pakistan und Bangladesch sind seit dem Jahr 2000 mindestens 2400 Menschen ums Leben gekommen. Die größten Katastrophen:

- November 2000: 53 Tote in Bangladesch;

- Mai 2002: 45 Tote in Indien, Fabrik hatte nur einen Ausgang;

- Februar 2006: 61 Tote in Bangladesch, Wachmänner versperrten die Ausgänge;

- Oktober 2007: Brand in illegaler Schuhfabrik, Fenster waren vergittert;

- April 2008: 55 Tote, Brand in Matratzenfabrik, keine Notausgänge;

- September 2012: 289 Tote in Pakistan;

- April 2013: 1045 Tote bei Einsturz eines illegalen Fabrikgebäudes in Bangladesch;

- Mai 2013: 8 Tote bei Fabriksbrand in Bangladesch. (juh)

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