"Ab und zu redet mich jemand an"

Interview10. Mai 2013, 17:23
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Zehn Jahre nach dem sensationellen Titelgewinn bei der Tischtennis-WM kehrt Werner Schlager an die Stätte des Triumphs nach Paris-Bercy zurück

Standard: Wenn Sie an die WM zurückdenken, was fällt Ihnen ein?

Schlager: Am ehesten hängengeblieben ist der Matchball im Finale. Ich weiß, dass er ins Out gegangen ist. Danach war ich geistig nicht mehr da. Ich hab mir das später auf Video angesehen, aber eigentlich keine Erinnerung. Was ich auch noch vor mir sehe, ist der Einmarsch mit Joo Se-hyuk aus Korea zum Finale. Die riesige Halle, nur ein Tisch, 13.000 Zuseher.

Standard: Sie waren erster nicht-chinesischer Weltmeister seit Jan-Ove Waldner 1997, nach Ihnen haben nur Chinesen gewonnen. Was hat Sie 2003 ausgezeichnet?

Schlager: Ich war frisch verliebt, war deshalb mental ziemlich stabil. Ich hab mir nicht viele Gedanken gemacht über Sieg und Niederlage. Und natürlich ist es höhere Fügung, da müssen viele Kleinigkeiten passen, damit du so einen Titel gewinnst. Ich will es gar nicht zerpflücken, aber ich war im Viertelfinale gegen Wang Liqin, den Titelverteidiger, bei 2:3 in Sätzen mit 6:10 hinten, hab vier Matchbälle abgewehrt, 4:3 gewonnen. Im Semifinale hatte Kong Linghui, der Olympiasieger, einen Matchball gegen mich, aber ich hab mit 14:12 im siebenten Satz gewonnen.

Standard: Stimmt es, dass Sie erst jetzt, nach zehn Jahren, wieder in die WM-Halle von damals kommen?

Schlager: Es wird ja dort normalerweise nicht Tischtennis gespielt, und sonst gab's keinen Grund, da aufzutauchen. Ich war kürzlich einmal dort, für eine ORF-Geschichte. Die Halle war anders aufgebaut, mit weniger Tribünen drinnen, und sie war natürlich noch leer. Aber die Anzeigetafel ist dieselbe geblieben.

Standard: Inwiefern hat Sie der WM-Titel verändert?

Schlager: Das Umfeld verändert sich, und das Umfeld verändert dich. Nach so einem Erfolg wollen viele Leute partizipieren, du könntest plötzlich viele Freunde haben. Aber nach einer Zeit merkst du, wer deine wahren Freunde sind. Du merkst, wer sich wirklich mit dir freut und wer in Wahrheit neidisch ist.

Standard: Sie gelten, mit Verlaub, nicht unbedingt als Superstar. Haben Sie aus Ihrem Erfolg zu wenig gemacht?

Schlager: Ich hab vor allem Erfahrungen gemacht, habe rasch gelernt zu entscheiden, ob ich präsent sein will oder nicht. Ich wollte es nicht. Ich bin nicht der, der sich in den Vordergrund drängt, das hat für mich keinen Wert. Und ich wollte weiterhin Leistungssport betreiben, das ist zeitintensiv. Da kann man nicht durchs Land reisen und auf jeder Hochzeit tanzen.

Standard: Es gibt Länder, in denen Tischtennis und Sport generell mehr Stellenwert haben. Bedauern Sie manchmal, in Österreich zu leben?

Schlager: Da gibt es nichts zu bedauern. Es gibt auch Länder, in denen Tischtennis weniger Stellenwert hat. Und es bringt mir gar nichts, wenn ich so berühmt bin wie Hermann Maier oder Hans Krankl und nicht mehr einkaufen gehen kann, ohne dass mir jeder in den Einkaufswagen schaut. Ab und zu redet mich jemand an und sagt mir, wie er vor zehn Jahren mitgezittert hat. Dann freue ich mich.

Standard: In China sind Sie vergleichsweise sehr bekannt.

Schlager: In China wurde ich zum populärsten ausländischen Sportler 2003 gewählt. Vor Tiger Woods. Manchmal war es anstrengend, nach China zu reisen. 2004 war ich mit meinen Eltern dort, ohne Bodyguards konnten wir das Hotel nicht verlassen. Mittlerweile erkennen mich dort auch nicht mehr so viele Leute auf der Straße. Jedenfalls bringt ein großer Erfolg nicht nur Geld, sondern auch Unannehmlichkeiten.

Standard: Haben Sie durch den WM-Titel ausgesorgt?

Schlager: Was heißt ausgesorgt? Ich habe mit Tamasu Butterfly einen großen japanischen Sponsor, ich hatte eine Basis, und ich hab weiterhin eine Basis. Es ist nicht so, dass ich in Geld schwimme. Aber ich muss nicht immer mehr, mehr, mehr haben.

Standard: Der Pariser WM folgt im Oktober eine Schwechater EM - ist das die Motivation, sich noch einmal zusammenzureißen?

Schlager: Komplett weg war ich ja nie. Aber 2008, mit der ersten Schwangerschaft meiner Frau, hab ich begonnen, die internationalen Auftritte zu reduzieren. Du hast bestimmte Ressourcen zur Verfügung, und du musst sehen, wie du sie aufteilst. Familie da, Spitzensport dort, außerdem hab ich dann die Werner Schlager Academy im Schwechater Multiversum aufgebaut.

Standard: Das Multiversum, ein Veranstaltungszentrum, an dem die WSA zu 33 Prozent beteiligt ist, ist wiederholt negativ in die Schlagzeilen geraten.

Schlager: Der Rechnungshof versucht das aufzudröseln, hoffentlich ist das bald abgeschlossen. Es hat offenbar Geldflüsse gegeben, die nicht rechtmäßig waren, das fiel in die Zeit eines früheren Geschäftsführers. Wir wünschen uns lückenlose Aufklärung, die WSA leidet unter der Situation.

Standard: Kostet der Multiversum-Betrieb zu viel, wurde es schlicht zu groß geplant?

Schlager: Für Schwechat hat es sicher eine außerordentliche Größe. Aber ich höre von einer 80-prozentigen Auslastung, das ist nicht schlecht. Die Hauptfrage ist, wie viel eingenommen wird. Kultur kostet auch, Kultur wird auch subventioniert. Man kann nicht zuerst sagen, man braucht ein solches Zentrum, und nachher sagen, es soll bitte nichts kosten.

Standard: Bleibt Ihnen genügend Zeit fürs Training?

Schlager: In meinem Alter muss ich nicht mehr so viel trainieren wie früher. Ich kann mich in sechs Stunden pro Woche genauso weiterentwickeln wie früher in 15 Stunden. Das Ziel ist es, den Unterschied zur Spitze ein bisserl langsamer wachsen zu lassen.

Standard: Ihr Sport hat sich seit 2000 sehr verändert. Größerer Ball, Klebeverbot, andere Zählweise - wie hat das Ihr Spiel beeinflusst?

Schlager: Die Zählweise - bis elf statt bis 21 in jedem Satz - hat variantenreiche Typen wie mich getroffen. Man serviert nur zwei- statt fünfmal en suite, braucht weniger Varianten. Der größere Ball sollte das Spiel entschleunigen. Doch bald war es genauso schnell wie früher, weil die Spieler körperlich zugelegt haben, richtig athletisch geworden sind. Es wird noch mehr in die Richtung gehen, wenn der Zelluloidball durch einen Plastikball ersetzt wird.

Standard: Kein Problem für einen 40-Jährigen?

Schlager: Mein Spiel ist körperlich nicht ganz so anstrengend, weil ich beidseitig spiele, das hilft mir. Wenn es mein Körper zulässt und es mir Spaß macht, werd ich in zehn Jahren noch spielen.

Standard: Was nehmen Sie sich für die WM und die EM vor?

Schlager: Was, absolut gesehen, herauskommt, hängt nicht nur von mir ab. Ich muss am Tag X zur Stunde Y meine Leistung bringen. Gelingt das, bin ich zufrieden. (Fritz Neumann, DER STANDARD, 11./12.5.2013)

WERNER SCHLAGER (40) aus Wiener Neustadt war Weltmeister und "Sportler des Jahres" 2003. 17 EM-Medaillen, Europa-Top-12-Sieger 2000 und 2008, Champions-League-Sieger 2008, Olympiavierter 2008 (Team), fünf Olympiateilnahmen, 28 Meistertitel. Verheiratet, ein Sohn, eine Tochter.Ziel ist es, den Unterschied zur Spitze ein bisserl langsamer wachsen zu lassen.

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    25. Mai 2003, Paris: Schlager mit dem WM-Pokal.

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    Schlager spielt seit 25 Jahren auf höchstem Niveau. Mit 15 feierte er als Jugend- EM-Dritter im Doppel mit Karl Jindrak den ersten Erfolg. Er tut weiter, solange es der "Körper zulässt und es Spaß macht".

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