Heimlich gelüstet es sie nach der Axt

10. Mai 2013, 18:42
posten

Merkel bezeichnet "Die Legende von Paul und Paula" als ihren Lieblingsfilm

Hier ist die Axt, junger Mann!"  Mit diesem denkwürdigen Satz tritt in dem Film Die Legende von Paul und Paula aus dem Jahr 1973 eine schwierige Liebesgeschichte in ihr entscheidendes Stadium. Paul, lange Zeit eher zögerlich, verschafft sich gewaltsam Zutritt zur Wohnung von Paula, die ihm leidenschaftlich zugetan ist, inzwischen aber keine Hoffnungen mehr in diese Beziehung setzt. Es ist ein klassischer Fall von Ungleichzeitigkeit, der für eine kurze Zeit noch einmal glücklich aufgelöst wird.

Dieser Tage ist Die Legende von Paul und Paula, einer der berühmtesten Filme aus der ehemaligen DDR, wieder in aller Munde. Denn am Sonntagabend wird Kanzlerin Angela Merkel ihn in einem Berliner Kino als ihren Lieblingsfilm vorstellen – im Rahmen einer Reihe, die von der Deutschen Filmakademie ausgerichtet wird. Bei Merkel handelt es sich ja um eine Person, von der sich die Welt fragt, was in ihr eigentlich vorgeht. Längst ist sie zu einer Attrappe geworden, der man je nach Vorliebe ein Hitlerbärtchen aufmalt oder die Tasche der Eisernen Lady in die Hand drückt. Umso berechtigter ist die Frage, ob man in der Wahl von Die Legende von Paul und Paula etwas Politisches erkennen kann.

Als DDR-Folklore ist der Film unumstritten: mit den Liedern der Puhdys, mit den beiden Stars Angelica Domröse und Winfried Glatzeder, die noch vor 1989 in den Westen gegangen waren, mit einem Defa-Veteranen wie Fred Delmare in der Rolle von "Reifen-Saft"  und mit dem Duo Heiner Carow (Regie) und Ulrich Plenzdorf (Buch) in der künstlerischen Verantwortung.

Wenn es Merkel aber um mehr geht als nur darum, dass ihr einmal öffentlich warm ums Herz werden darf, dann liegt das triftige Moment dieser Wahl vielleicht genau darin, dass sich hier zwei Logiken aneinander reiben. Die eine ist die von Paula. Sie will "einfach glücklich sein" , ohne familiäre oder andere Rücksichten. Das aber geht nur "auf Kosten anderer" , wie Paul einwendet, der da gerade Swahili lernt und sich um die Devisenbeschaffung der DDR verdient macht. Das Paar verkörpert also zwei Optionen: aussteigen oder drinnenbleiben, utopische Gemeinschaft oder Gesellschaft der Kompromisse.

Der Film wäre wohl niemals so populär geworden, wenn es zu einem Happy End gekommen wäre, in dem sich der Realpo­litiker Paul durchgesetzt hätte. Weil er es aber ist, der schließlich die Seite wechselt, hat Die Legende von Paul und Paula auch etwas von einem Manifest, das politisch nur in Dezisionismus zu übersetzen ist. Merkel verrät also mit ihrer Wahl, dass sie keineswegs so gleichmütig und ausgleichend ist, wie sie sich hartnäckig gibt. Heimlich ge­lüstet es sie nach der Axt. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 11./12.5.2013)

Share if you care.