Menschen, die sich zu sehr lieben

Kolumne10. Mai 2013, 17:00
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Was wir über Narzissten wissen

Der Mensch der Gegenwart ist von gefährlichen Fallen umzingelt: der Globalisierungsfalle, der Europafalle, Diätfallen, Fettfallen usw. usf. Damit nicht genug. Der stets spannend zu lesende Vorarlberger Gerichtspsychiater Reinhard Haller hat soeben eine neue Falle entdeckt und in einem Buch beschrieben: die "Narzissmusfalle", die Falle, in die man zu fallen droht, wenn man in unbändiger Liebe zu sich selbst entbrannt ist.

Wie gefährlich das sein kann, zeigt sich bereits beim Namensgeber des Narzissmus: Der Jüngling Narziss verliebte sich an einer Quelle in sein Spiegelbild, und als er den appetitlichen Zuckerschneck sogleich herzen und kosen wollte, ertrank er an Ort und Stelle. Künstlerpech. Hätte er in den Donaukanal geschaut, wäre ihm dieses Schicksal mangels einer erkennbaren Rückspiegelung erspart geblieben.

Der schönste Augenblick des Tages für einen Narzissten ist die Morgentoilette. Noch bettwarm steht er vor dem Badezimmerspiegel und sieht schon den wunderbarsten Menschen der Welt vor sich. Der schönste Tag des Jahres für den Narzissten ist der Valentinstag: Da bekommt er immer einen Riesenstrauß rote Rosen von sich geschenkt.

Bei Psychotherapien legt der Narzisst ein klassisches Verhaltensmuster an den Tag: Liegt ein Narzisst beim Psychoanalytiker auf der Couch, so tut er dies in der Überzeugung, dass sein Psychoanalytiker der beste Psychoanalytiker der Welt sei. Denn wer, wenn nicht der beste Psychoanalytiker der Welt wäre würdig, ihn zu analysieren? Diese schmeichelhafte Einschätzung überträgt sich selbstverständlich eins zu eins auf den Analytiker, ein Musterbeispiel für eine psychotherapeutische Win-win-Situation also.

Sind Sie selbst in Gefahr, in die Narzissmusfalle zu tappen? Hier ein Minitest zur ersten Orientierung:

"Meine Hobbys sind Fotografiertwerden, Staunenerregen und Auftritte vor applaudierenden Menschenmengen."

"Am liebsten wäre ich Feldherr, Papst oder US-Präsident geworden, aber in Wahrheit waren diese Berufe zu lausig für mich."

"Gott ist tot, aber solange ich noch am Leben bin, sollte das ja kein Problem sein."

Wenn Sie alle drei Aussagen mit "Stimmt ganz genau" bewerten, könnte es ratenswert sein, einen Psychoanalytiker aufzusuchen. Natürlich nur den besten Psychoanalytiker der Welt. (Christoph Winder, Album, DER STANDARD, 11./12.5.2013)

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