Alte Liebe rostet nicht

10. Mai 2013, 17:24
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Ein Briefwechsel zweier höchst unterschiedlicher Temperamente: Willy Brandt und sein häufig schwieriger Bewunderer Günter Grass

Am 18. Jänner 1969 schrieb der damalige deutsche Außenminister Willy Brandt wieder einmal ein paar Zeilen an den durch den Blechtrommel-Roman berühmt gewordenen Schriftsteller Günter Grass: "Lieber Günter, ... Du wirst gehört haben, dass ich einige Wochen ausspannen muss. Besser jetzt als im Frühjahr oder Sommer! Herzlichen Gruss. Dein W." Verständnisvoll antwortet der "liebe Günter" in einem gut zehnmal so langen Brief, in dem Grass ausführlich über seine "literarischen Hausarbeiten" referiert, zugleich aber auch wiederum höchst intensiv darlegt, wie er sich die Außenpolitik der SPD vorstellt.

Immerhin heißt es gegen Ende: "Im Übrigen wünsche ich Dir Erholung und ein engmaschiges Sieb, das Dir Ärgernisse vom Leib hält." Die beiden Herren waren sich Anfang 1968 bei einem familiären Treffen in Berlin nähergekommen und zum Du gewechselt. Beste Freunde sind sie deswegen aber keineswegs geworden, wie aus dem jetzt veröffentlichten Briefwechsel hervorgeht. Auffallend ist zunächst, dass in dieser Korrespondenz, beginnend im März 1964, der Briefschreiber Grass den Löwenanteil beanspruchen kann.

Häufig lässt Brandt durch sein Büro oder auch durch seinen engsten Vertrauten Egon Bahr antworten. Und wenn er später dann doch einmal persönlich zum Federhalter greift, fällt die Antwort meistens freundlich reserviert aus. Man gewinnt den Eindruck, dass das Werben von Grass auch dem späteren Bundeskanzler eigentlich eher lästig wurde, zumal Grass keine Gelegenheit ausließ, um Brandt in seiner zögerlichen Art immer wieder anzutreiben. Wiederholt warnt Grass Willy Brandt vor der Beteiligung an einer großen Koalition. Als Warner und Mahner nimmt er den von seinem Naturell nicht gerade zu schnellen Entschlüssen neigenden SPD-Vorsitzenden, den er zugleich wortreich verehrt, wiederholt ins Gebet.

Der Dichter, der sein Idol seit Beginn der Sechzigerjahre persönlich kennt, geriert sich als Prophet. Er sieht, dass sich die "Jugend unseres Landes vom Staat und seiner Verfassung abkehren" werde - sie "wird sich nach links und rechts verrennen". Brandt wiederum appelliert an die Intellektuellen, an die "demokratische Linke", sie dürfe sich nun erst recht nicht ins "Abseits der Resignation oder des bloßen Protestes" stellen, sondern müsse als das "geistige Deutschland" an der Seite einer SPD bleiben, deren Gewissen nicht außerhalb dieser Partei schlage.

Grass wiederum, der erst in den Siebzigerjahren Mitglied der SPD wird und sich wie kein anderer Schriftsteller für die Politik der Sozialdemokraten engagiert, lässt nicht nach in seinem Eifer, Brandt zu Entscheidungen und Positionen zu drängen, die sich der Kanzler überhaupt nicht zu eigen machen will. Hans-Werner Richter, der geistige Vater der Gruppe 47, vermutet in diesen Jahren der sozialliberalen Ära, Grass habe es darauf angelegt, irgendwann ein politisches Amt zu übernehmen, vielleicht eine Art Kulturminister für die Republik zu werden.

Die Beziehung zwischen diesen beiden höchst ungleichen Temperamenten - Grass, dem es an Ehrgeiz und Selbstbewusstsein keineswegs fehlt, und Brandt, der sich oft in seine Depressionen flüchtet - ist nur vordergründig mit der Differenz zwischen Geist und Macht zu erklären. Wenn Grass den Kanzler mit allerlei politischen Traktaten überzieht, die eigene Ansicht durchgängig als richtungweisend propagiert und hartnäckig auf persönlichem Gedankenaustausch besteht, kann man im Nachhinein die Ausweich- und "Fluchtversuche" des Bedrängten verstehen.

"Ich wünsche mir", so Grass in einem Brief an Brandt kurz vor Weihnachten 1972, "daß wir im kommenden Jahr Gelegenheit finden, auch über ein Wochenende oder während 2-3 Feiertagen, ausgiebig miteinander zu sprechen, damit unsere Freundschaft nicht zu einer verplanten verkümmert". Brandt hat sich solchen Ansinnen immer wieder zu entziehen gewusst. Gleichwohl belegt der Briefwechsel, dass die Freundschaft bis zum Schluss bestanden hat, auch wenn es nach dem Rücktritt Willy Brandts als Kanzler für Günter Grass immer schwieriger wurde, zu ihm vorzudringen. Der einstigen Idolatrie tat dies freilich keinen Abbruch. Brandt, der Emigrant und Hitler-Gegner, blieb für Grass die Lichtgestalt, der er auch verzieh, wenn sie ihm nicht mehr zuhören wollte, wie Grass in späteren Jahren im Interview schimpfte.

Der Herausgeber des Briefwechsels - Martin Kölbel - hat viel Fleiß und mehrere Jahre in dieses Projekt investiert. Freilich hätte die Edition bei entsprechender Straffung auch schmaler ausfallen dürfen. Vielleicht wäre dann weniger mehr gewesen. (Wolf Scheller, Album, DER STANDARD, 11./12.5.2013)

Willy Brandt, Günter Grass: Der Briefwechsel. Hrsg. von Martin Kölbel. € 49,80 / 1232 Seiten. Steidl, Göttingen 2013

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    "Willy Brandt, der Emigrant und Hitler-Gegner, blieb frü Grass die Lichtgestalt, der er auch verzieh, wenn sie ihm nicht mehr zuhören wollte." Archivfoto (2007): Günter Grass neben einer Brandt-Bronzeskulptur im Willy-Brandt-Haus in Lübeck.

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