Hoffnung eines Umweltaktivisten auf die helle Sonne

10. Mai 2013, 19:55
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Dieser Tage wäre Robert Jungk 100 geworden. Ein Fundstück und eine Würdigung des großen Umweltaktivisten

"Die wirklich großzügige Nutzung der Sonnenenergie wird erst dann erfolgen, wenn das Versiegen und Versagen der anderen Energiequellen noch viel deutlicher sichtbar wird als bereits heute." Vor rund dreißig Jahren hat Robert Jungk (1913-1994) diese Diagnose niedergeschrieben. Sie zeigt, wie hellsichtig und zeitgemäß die Arbeit des Autors, Zukunftsforschers und Anti-Atom-Aktivisten schon damals war - oder wie utopisch sie heute noch scheinen mag.

Posthumes Sonnenbuch

Einem Zufall ist es zu verdanken, dass Jungks Beschäftigung mit der Sonne als Energiespender und Symbol für eine neue Politik ans Tageslicht kam. Walter Spielmann, der die Jungk-Stiftung in Salzburg leitet, stieß vor kurzem auf ungezählte Seiten im Nachlass, die sich als Entwürfe für ein größeres Werk herausstellten. Es ist Fragment geblieben, aber doch gewichtig genug, dass Spielmann es zu einem posthumen Sonnenbuch edieren konnte.

Als Bericht vom Anfang einer neuen Zukunft konzipierte es der Autor. Zuvor war er mit Heller als tausend Sonnen und Die Zukunft hat schon begonnen zu sprichwörtlicher Berühmtheit gelangt. Bei seiner Arbeit über Energiealternativen wandte er vergleichbare Methoden an: Gespräche mit Forschern, Politikern und Aktivisten, teilnehmende Beobachtung bei Tagungen und Demonstrationen, gelegentlich statistisches Material und häufig - das war neu - spirituelle Quellen als Wegweiser aus dem Ressourcen-Dilemma.

Ein Kind seiner Zeit

Wieder reiste er viel, in die USA vor allem - nach Kalifornien, wo der damalige Hoffnungsträger Jerry Brown Gouverneur war. Signifikante Verschiebungen stellte er in Los Alamos fest, das er als Nuklearrüstungszentrale kennengelernt hatte und das ihn nun mit Solarforschungslabors überraschte.

Das Sonnenbuch ist ein Kind seiner Zeit. Es ist von Graswurzeln die Rede, von Stammeshäuptlingen, von Sonnenreligionen. Damit markiert Jungk einige der Richtungen, in die die Diskussionen nach dem ersten großen Ölschock und während der Friedens- und Anti-Atom-Bewegungen gingen. Aber nicht nur. Der polyglotte und umfassend gebildete Autor verlor nicht sein Ziel aus den Augen, die Chancen einer besseren Energiezukunft aus einer noch utopischen Warte zu skizzieren.

Solidarische Kritiker

Wie aktuell er damit heute noch - oder heute erst recht - ist, das will ein Sammelband zu Jungks hundertstem Geburtstag ausloten. Herausgegeben von dem Rechtsprofessor Klaus Firlei und von Walter Spielmann, lässt das Buch Natur- und Sozialwissenschafter, Weggefährten und solidarische Kritiker zu Wort kommen. Sie diskutieren die veränderten Chancen der Zukunftsforschung und der Energiewende, vor allem aber den politischen Impetus des unbequemen Denkers.

Immerhin erweisen ihm sogar die Landeshauptfrau des Landes und der Bürgermeister der Stadt Salzburg, wo die Jungks ab 1970 wohnten, ihre Reverenz in einleitenden Worten - wobei nicht klar ist, ob das eher ein Zeichen für seine fortdauernde Brisanz oder für ungefährlichen Status ist.

Verbrüderung mit linksradikalen Umweltaktivisten

Spannend sind die persönlichen Erinnerungen. Etwa die von Karl-Markus Gauß an den bedächtigen Zeitgenossen, der bei der legendären Anti-Nixon-Demo auf dem Salzburger Flughafen zu ungeahntem Tempo auflief. Und vor allem das Gespräch mit Jungks Sohn Peter Stephan über deren nicht immer leichtes Verhältnis.

PS: Nicht vorausgesehene Aktualität erfährt die Sonnen-Lobby gerade in den USA, wo sich laut Süddeutscher rechte Republikaner mit linksradikalen Umweltaktivisten zu verbünden beginnen. Ihr Schwarm: deutsche Solarzellen. (Michael Freund, DER STANDARD, 11./12.5.2013)


Robert Jungk, "Das Sonnenbuch. Bericht vom Anfang einer neue Zukunft". € 18/ 160 Seiten. Otto Müller, Salzburg 2013

Klaus Firlei & Walter Spielmann, "Projekt Zukunft. 14 Beiträge zur Aktualität von Robert Jungk". € 27 / 310 Seiten. Otto Müller, Salzburg 2013

Am Dienstag, 14. Mai, 19.30, wird die Dokumentation über Jungk "Agitator für das Überleben" (1989) gezeigt. Der Schriftsteller Peter Stephan Jungk wird über die Beziehung zu seinem Vater sprechen. Im Aktionsradius Wien, 1200, Gaußplatz 11.

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