Geometrie eines Sommers

    10. Mai 2013, 17:21
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    Gefangen im Netz: In Deborah Levys Roman "Heim schwimmen" schleicht sich ein blinder Passagier in eine Beziehung

    Es gibt Landschaften, die sich bevorzugt anbieten, wenn das unendliche Drama einmal mehr in Szene gesetzt werden soll. Südfrankreich scheint so ein äußerer Ereignisraum zu sein, in dem die Geschlechtertragödie im Kammerspielformat regelmäßig durchgespielt wird; man denke nur an Jacques Derays Film Der Swimmingpool (mit Romy Schneider, Alain Delon und Jane Birkin, 1969) oder an François Ozons Swimming Pool (mit Charlotte Rampling, Jean-Marie Lamour und Ludivine Sagnier, 2003).

    Ozon behauptete stets, er habe Derays Film zum ersten Mal nach der Fertigstellung seines eigenen gesehen, man kann das glauben oder nicht. In beiden Filmen gibt es jedenfalls einen Toten, und in beiden hat eine junge schöne Frau etwas mit diesem Tod zu tun. All dies gilt auch im Fall von Deborah Levys Roman Swimming Home, der es im Vorjahr immerhin auf die Shortlist des Man Booker Price geschafft hat und der in einer von Richard Barth besorgten Übersetzung nun auch auf Deutsch vorliegt.

    Zunächst treibt eine rothaarige Frau bäuchlings in einem Swimmingpool einer südfranzösischen Ferienvilla: "Eine Frau mit tropfenden, hüftlangen Haaren stieg aus dem Pool und rannte zu einem der Plastikliegestühle. Sie sah aus wie Anfang zwanzig, aber das war schwer zu sagen, weil sie auf der Suche nach ihrem Kleid hektisch von einem Stuhl zum anderen hüpfte. Das Kleid war aufs Pflaster gefallen, aber keiner kam ihr zu Hilfe, weil alle ihren nackten Körper anstarrten. (... ) Verschwommen sah sie, dass die Frau für jemanden, der so dünn war, überraschend volle und runde Brüste hatte. Ihre langen Oberschenkel waren mit den Gelenken ihrer hervorstehenden Hüften verbunden wie die Beine der Puppen, die sie als Kind hin und her gedreht hatte."

    "Sie", das ist Nina, die 14-jährige Tochter von Isabel und Joe Jacobs; sie eine bekannte Kriegsreporterin, er ein berühmter Schriftsteller. Zusammen mit dem befreundeten Ehepaar Laura und Mitchell haben sie sich einen Sommer lang im Hinterland der französischen Riviera eingemietet. Zwei Paare auf der Flucht: Laura und Mitchell vor den Gläubigern, Isabel und Joe vor dem Eingeständnis einer gescheiterten Ehe. Zweifellos zählen die Jacobs zum Formenkreis der Tolstoi'schen Familien, gerade weil ihre eigene Weise des Unglücks nicht auserzählt wird.

    Die Puppenfrau aus dem Pool wird da lediglich zum Brandbeschleuniger einer Katastrophe, die wohl so oder so ihren letalen Ausgang genommen hätte. Und ein wenig so, als wolle sich auch die Romanautorin von den filmischen (Vor-)Bildern freischreiben, legt sie gleich zu Beginn unmissverständlich dar, aus welchem Milieu Kitty Finch kommt: "Der Swimmingpool im Garten der Ferienvilla glich weniger einem dieser tristen blauen Pools, wie man sie aus Urlaubsprospekten kennt, als einem Teich. Einem Teich in Form eines Rechtecks, den eine italienische Steinmetzfamilie aus Antibes aus dem Stein gehauen hatte. Der Körper trieb am tiefen Ende, wo das Wasser im Schatten einer Reihe von Pinien kühl blieb."

    Wie nicht anders zu erwarten schleicht sich Kitty Finch in das Leben der Jacobs ein, aber anders als etwa in Pasolinis Teorema - Geometrie der Liebe (1968) liest sie den Jacobs keine Rimbaud-Gedichte vor, sondern hat ein selbstgeschriebenes im Gepäck. Es heißt "Heim schwimmen", und Kitty wird mit allen Mitteln versuchen, Joe Jacobs zum Lesen desselben zu bringen, ist sie doch von der Idee der Seelenverwandtschaft zwischen dem Dichter und ihr besessen.

    Während die Handlung auf das Unausweichliche zusteuert, verweisen mehr oder weniger beiläufige Rückblenden auf Joes Kindheit: Er heißt eigentlich Jozef Nowogrodzki und wurde als Kind in den Wäldern Polens ausgesetzt, um ihn vor der drohenden Deportation zu bewahren. Mit einem der Kindertransporte gelang Jozef die Flucht nach England, seine Eltern und seine zweijährige Schwester blieben zurück und kamen im westpolnischen Vernichtungslager Chelmno um. Man könnte viel und lange darüber spekulieren, warum Männer wie Joe Jacobs so anfällig für diese etwas anorektischen Kindsfrauen mit ausgeprägter Borderline-Symptomatik sind.

    Und man ist froh, dass Deborah Levy es nicht tut, dass sie in einer schnörkellosen Sprache einfach nur eine Geschichte erzählt, die so oder so ähnlich zwar schon viele Male erzählt worden sein mag, die uns aber dennoch jedes Mal aufs Neue berührt, weil sie den Schrecken der Unerlöstheit auf eine Weise benennt, wie es nur in der Kunst möglich ist: "Sie wussten, dass die Vergangenheit in Felsen und Bäumen zu Hause war, und sie wussten, dass ihr Begehren sie unbeholfen, verrückt, rätselhaft und verkorkst werden ließ. Mit Kitty Finch so intim zu sein war eine Lust, eine Qual, ein Schock und ein Experiment gewesen, vor allem jedoch ein Fehler. Er bat sie noch einmal, ihn bitte, bitte, wohlbehalten nach Hause zu seiner Frau und seiner Tochter zu bringen. ' Ja', sagte sie. 'Das Leben ist nur lebenswert, weil wir hoffen, dass es irgendwann besser wird und dass wir am Ende alle wohlbehalten heimkehren.'"

    Heim schwimmen ist ein außergewöhnliches Buch einer vielversprechenden Autorin und zählt ohne Frage zu den wirklich erfreulichen Überraschungen dieses Bücherfrühlings. (Josef Bichler, Album, DER STANDARD, 11./12.5.2013)

    Deborah Levy, "Heim schwimmen". Aus dem Englischen von Richard Barth.
    € 18,40 / 168 Seiten. Wagenbach, Berlin 2013

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