Ewig grüßt das Muttertier

10. Mai 2013, 17:04
posten

Und aufgehoben ist nicht aufgeschoben. Von Julya Rabinowich

"Mama hebt ab", belästigte mich eine unerwartet zugesandte Werbung der AUA knapp vor dem unaussprechlichen Tag. Ich kann nicht sagen, dass das dabei entstehende Bild ein positiv getünchtes gewesen ist. Vielleicht hebt Mama ja ab, nachdem sie sich ein Jahr lang abgestrudelt hat, um an diesem allerheiligsten Tage ein weiteres Küchengerät geschenkt zu bekommen, was den Eindruck eines Winkes mit dem Zaunpfahl nicht entbehrt. In den Schulen werden zeitgerecht Maiskornwerke für das Muttertier angefertigt, die diesem bald nicht nur Freude, sondern weitere Arbeit verpassen werden, dann nämlich, wenn sich die Körner lösen und mottengeschwängert in Wohnbereichen zu verteilen beginnen.

Zensurwürdige Vorstellungen fördert dafür die Werbung einer Wäschefirma, die zum Muttertag zum Kauf frivoler Wäsche animieren möchte. Ich meine, nicht dass ich etwas gegen frivole Wäsche vorbringen wollte. Frivole Wäsche ist total in Ordnung. Es wäre nur seltsam, wenn ich Höschen und Spitzen-BHs, vielleicht sogar ein komplettes Korsetterl von meinen Kindern überreicht bekäme. Alles Dinge, die ich nur ungern anschließend vorführen würde, womöglich auch noch augenzwinkernd und mit Betty-Boop-Gesichtsmuskelgymnastik. Ebenso wenig freute sich - glaube ich jedenfalls - auch der Papa, wenn er zum Vatertag ein kleines Erotikset von den Früchten seiner Lenden empfinge. Wenn dieses Korsetterl allerdings von der Sexualverpartnerung überreicht wird, mit einem rosaroten Kärtchen samt dem Vermerk "Für die Mama", da verginge mir alles, was auch nur annähernd prickelnd werden könnte. Das Schlimmste: Sie überreichen das gemeinsam. Mit erwartungsvoll glänzenden Augen. Nein, das fällt bereits in den psychopathologischen Bereich.

Nicht jedes Konsumgebot eignet sich für jeden Feiertag, obwohl die Wirtschaft, der es gutgehen soll, damit es uns gutgeht, sich das wünscht. Meine Familie ist da traditionell distanziert, Muttertag gab es - als verpönten Feindesbrauch - in der UdSSR keinen. Ich beehrte im Laufe der hiesigen Schullaufbahn meine peinlich berührte Mutter mehrmals mit Verbasteltem. Bei den aufgesagten Gedichten bekam sie respektlos mittendrin einen Lachkrampf. Das ließ ich in Zukunft lieber bleiben. Man gewöhnt sich aber an alles. Als ich meiner Tochter von Anfang an erklärte, den Muttertag nicht ernst zu nehmen, war alles wunderbar, solange die kleine Traditionalistin ihn dennoch begehen wollte. Letztes Jahr erreichte mich am Vorabend des Muttertages ein kühler Anruf. "Ich finde, der Muttertag ist überbewertet", teilte das Kind mit. "Ich bin dafür, dass wir ihn heuer ausfallen lassen." Das überbewertete Muttertier tobte. Ohne Haushaltsgerät, Maisbildchen oder BH. (Julya Rabinowich, Album, DER STANDARD, 11./12.5.2013)

Share if you care.