Hochadliger Kommunismus

10. Mai 2013, 17:22
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Die farbigen, kuriosen, sprachlich glanzvollen Lebenserinnerungen der Jessica Mitford

Wozu liest man eine Autobiografie? Um etwas über die Person zu erfahren, die diese schrieb? Aber was? Um ihr näher zu kommen? Weil sie prominent ist? Oder doch eher in der Hoffnung auf intime Konfessionen und offenbarte Geheimnisse?

Wem hierzulande fiele all dies ein zu Jessica Mitford? Auf den englischen Inseln ist dies anders. Da sind die sechs hochadligen Mitford Sisters noch immer ein Begriff. David Mitford, second Baron Redesdale hatte einen Sohn, der 1945 in Burma fiel. Doch es waren die Töchter, die fast alle durch ihr Rebellentum für Furore und Aufsehen sorgten: Nancy (1904-1973) mit ihren hochironisch-satirischen Romanen; Diana (1910-2003), die erst einen Guinness-Erben ehelichte, später den britischen Faschistenführer Oswald Mosley und ab den 1950er Jahren in Orsay bei Paris direkte Nachbarin des abgedankten englischen Königs Edward war; Unity (1914-1948), die eine der entflammtesten Hitler-Verehrerinnen überhaupt war, sich nach der Kriegserklärung Großbritanniens an Nazi-Deutschland eine Kugel durch den Kopf jagte, doch schwer behindert überlebte. Deborah, geboren 1920, wurde Duchess of Devonshire und lebt noch immer auf Chatsworth House in Derbyshire. Pamela (1907-1994) züchtete in Irland Pferde. Jessica Mitford (1917-1996) hingegen wurde in den 1930ern Kommunistin, lebte und heiratete einen anti-aristokratischen Rebellen, schlug sich als Verkäuferin durch. Wurde Gewerkschafterin. Journalistin. Und schrieb 1960 die Erinnerungen an die Familie und an ihr Leben bis 1940 auf.

Nun hat Joachim Kalka diese erstmals ins Deutsche übertragen; und der Berenberg Verlag hat den Titel leicht verändert. Lautet er im Englischen Hons and Rebels, ersteres anspielend auf eines der Lieblingsvexierspiele der Kinder, wurde daraus Hunnen und Rebellen. Lesenswert ist dieses Buch ob des kristallklaren Stils, des Humors, des Witzes, der Klugheit, der glänzenden Formulierungen. Weniger ob des Geschilderten, der pittoresken Erziehungsmethoden, der antiquierten Lebensgestaltung des englischen Hochadels und der Initiationsriten der gehobenen Gesellschaft. All dies, in den Jahren nach 1945 untergegangen und von aktuellen Mittelklassegesellschaften hilflos als "exzentrisch" rubriziert, ist heute nur noch von antiquarischer, wenn auch großer Amüsanz.

Das Nachwort Joachim Kalkas ist betrüblich diffus und bleibt über Jessica Mitfords Leben nach 1940 wolkig. So bleibt ihre Aufsatzsammlung Poison Penmanship: The Gentle Art of Muckraking von 1979 ebenso unerwähnt wie ihr langjähriges aktives Engagement für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung. Dafür enthalten die elf Seiten langen Anmerkungen des anglophilen Kalka teils ausführliche, teils literarisch recht abschweifende Anmerkungen. Es wäre besser gewesen, diesem Band Christopher Hitchens' Nachwort beizugeben, das dieser, der 1988 ein sehr unterhaltsames Interview mit der vitalen Mitford führte, 2004 für die amerikanische Neuauflage schrieb. (Alexander Kluy, Album, DER STANDARD, 11./12.5.2013)

 

Jessica Mitford, "Hunnen und Rebellen. Meine Familie und das 20. Jahrhundert". Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Joachim Kalka. € 25,90 / 336 Seiten. Berenberg, Berlin 2013

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