Der "Qualitätswahnsinn" und seine neuen Feinde

10. Mai 2013, 09:48
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Auf dem Verbandstag der Gemeinnützigen wurde viel über "überzogene Normen" diskutiert. Karl Wurm wurde einstimmig zum Obmann wiedergewählt

9.000 Pkw-Stellplätze stehen derzeit in Wiener Genossenschafts-Wohnanlagen leer. Alleine dieser Leerstand koste die Gemeinnützigen fünf Millionen Euro im Jahr, rechnete Karl Wurm, Obmann des Verbands Gemeinnütziger Bauvereinigungen (gbv), auf dem öffentlichen gbv-Verbandstag am Mittwoch in St. Pölten vor - von den schon zuvor angefallenen Baukosten in Höhe von rund 162 Millionen Euro (9.000 mal 18.000) ganz zu schweigen.

"Das geht nicht mehr"

Wurms Appell an die anwesenden Politikerinnen und Politiker, aber auch an die mehreren hundert Vertreterinnen und Vertreter der gemeinnützigen Wohnungswirtschaft fiel deshalb drastisch aus: "Aufhören. Das geht nicht mehr."

Mit überbordenden energetischen Öko-Qualitäten und einer Flut bautechnischer Normen habe ein "Qualitätswahnsinn" in den letzten Jahren um sich gegriffen, wurde Wurm nicht müde zu betonen und warb für seine vor drei Wochen bereits gegenüber derStandard.at dargelegten Vorschläge nach einer "Aufsplittung" des Wohnbaufördersystems. "Wir haben mit der Objektförderung ein super System, aber wir müssen aufhören, ihm immer mehr abzuverlangen."

"Mehrkosten fürs Passivhaus fördern"

Christian Krainer, Geschäftsführer der Grazer Genossenschaft ÖWG/ÖWGES und Vorsitzender des Technischen Ausschusses im Verband gemeinnütziger Bauvereinigungen, präsentierte auf der Tagung in St. Pölten eine Studie zu den Nutzungs- und Investitionskosten in GBV-Wohnbauten. Und diese hatte es insbesondere für Passivhaus-Fans in sich: Der tatsächliche Verbrauch an Heizenergie sei dort (und auch in Niedrigstenergiehäusern) meist viel höher als der zuvor errechnete Verbrauch - was Krainer zufolge durchaus auch Haftungsfragen für die Bauträger aufwerfen könnte, "wenn die Leute draufkommen, dass im Energieausweis ganz etwas anderes steht als in ihrer Heizkostenabrechnung".

Krainers Conclusio:  Die vor etwas mehr als zehn Jahren angestoßene Ökologisierung im Wohnbau schieße mittlerweile "deutlich übers Ziel hinaus". Seine Empfehlung an die versammelten Gemeinnützigen-Vertreter: "Zur Ökologie nur noch dann ein klares 'Ja', wenn die Mehrkosten zu hundert Prozent durch die Wohnbauförderung abgedeckt werden."

Um 350 Euro wird zu teuer gebaut

Sowohl Krainer als auch Herbert Gigerl, Porr-Niederlassungsleiter für Tirol und Vorarlberg, rechneten vor, dass sich "überzogene" Normen mittlerweile auf Mehrkosten von knapp 350 Euro pro Quadratmeter summieren würden. Allein für die Hälfte davon seien energetische Standards verantwortlich, ein Sechstel entfällt auf den Bereich Barrierefreiheit.

Nicht zu vernachlässigen seien aber auch Mehrkosten beim Brandschutz und beim Stahlverbrauch wegen strengerer Erdbebennormen. Gigerl brachte das Beispiel eines von ihm selbst in den 1970er-Jahren in Matrei (Osttirol) errichteten Gebäudes, das mit nur einem Drittel des heute vorgeschriebenen Stahls auskam, aber "immer noch einwandfrei dasteht". Die Mehranforderungen der Tiroler Bauordnung hätten sich seit 2005 insgesamt um 48,8 Prozent erhöht, von der Wohnbauförderung werde dies aber nur zu einem Drittel abgegolten, rechnete er vor.

"Kostenfragen in Ausschüssen stellen"

Angesichts dessen sei es nicht überraschend, dass es "heute schon gelingt, frei finanzierten Wohnbau zu errichten, wo die Differenz zum geförderten Wohnbau gar nicht mehr so groß ist", gab Wurm zu bedenken. Er appellierte an die anwesenden Gemeinnützigen-Vertreter, in den diversen Normen-Ausschüssen und -Beiräten strenge Kostenkriterien anzulegen – denn bisher seien zu viele dieser Ausschüsse von "praxisfernen" Fachexperten dominiert worden.

Allerdings dürfe es nicht bei einem bloßen "Abspecken" preistreibender Normen und Standards bleiben, betonte der gbv-Obmann in seiner Schlussrede in St. Pölten. "Leistbares Wohnen erfordert besonders in den Ballungsregionen eine Erhöhung des Angebots an geförderten Mietwohnungen um rund 7.000 Einheiten pro Jahr." Hier sei die Politik gefordert, erste positive Signale aus den laufenden Minister-Arbeitskreisen gäbe es bereits.

Wurm einstimmig wiedergewählt

Apropos Politik: Gewählt wurde auch auf dem heurigen gbv-Verbandstag, und zwar schon am Dienstag im nicht-öffentlichen Teil. Karl Wurm wurde dabei einstimmig zum Obmann wiedergewählt – zum bereits sechsten Mal. Er hat diese Funktion seit 1992 inne. (Martin Putschögl, derStandard.at, 10.5.2013)

  • "Überzogene" Normen würden sich mittlerweile auf Mehrkosten von knapp 350 Euro pro Quadratmeter summieren, kritisieren Bauträger immer lauter.
    foto: putschögl

    "Überzogene" Normen würden sich mittlerweile auf Mehrkosten von knapp 350 Euro pro Quadratmeter summieren, kritisieren Bauträger immer lauter.

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