Gedenken mit Bier und Beethoven

9. Mai 2013, 21:37
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"Fest der Freude" mit den Wiener Symphonikern am Heldenplatz zum Tag der Kapitulation der Wehrmacht

Wien - Je älter man wird, desto mehr ändert sich die Wahrnehmung der Nazizeit von einem abstrakten Ereignis in eine konkret vorstellbare Zeit des Schreckens, des Terrors - eine Zeit, gerade einmal eine Lebensspanne zurückliegend, in welcher dem Menschen die dünne Schicht seiner Zivilisiertheit abhandenkam und er zur Bestie mit organisatorischen Fähigkeiten mutierte.

Opfer und/oder Täter? In der Debatte um die Rolle Österreichs in jener Zeit, die mit der Waldheim-Affäre in den 1980ern erstmals gesamtgesellschaftlich betrieben wurde und alljährlich am 8. Mai, dem Tag der Kapitulation der Wehrmacht, durch die Burschenschaftsauftritte am Heldenplatz wiederaufflackerte, wird nun von offizieller Seite durch ein erstmals begangenes "Fest der Freude" auf dem Wiener Heldenplatz klar Position bezogen.

Vizekanzler Michael Spindelegger empfindet den 8. Mai als einen "Tag der Dankbarkeit", den Befreiern und Widerstandskämpfern gegenüber, Kanzler Werner Faymann freut sich, dass "endlich Demokraten" auf den Heldenplatz gekommen sind. In Vertretung des erkrankten Wiener Bürgermeisters gibt Maria Vassilakou zu bedenken, dass bei den Nachbarn in Ungarn und auch in Griechenland Rechtsextremismus leider "wieder zur geduldeten Gewalt wird".

"Können wir ein Fest der Befreiung feiern und gleichzeitig gedenken?", fragt Willi Mernyi, der Vorsitzende des veranstaltenden Mauthausen-Komitees Österreich, in seiner Begrüßungsrede. Zwischen 4.000 und 10.000 Besucher - die Angaben schwanken - können und genießen die von den Wiener Symphonikern und Bertrand de Billy mit Verve und Feingefühl vorgetragene siebte Symphonie Ludwig van Beethovens.

Das vor zwei Jahrhunderten in kriegerischen Zeiten komponierte Werk hält mit seinem Nachhall der napoleonischen Kriegshändel im ersten Satz, mit seiner dunklen, matten Grabesstimmung im zweiten und mit der überschäumenden Freude im vierten Satz wohl eine ideale Stimmungsmischung für diesen Anlass bereit.

Mit Johann Strauß (Die Fledermaus) und Jacques Offenbach (Orpheus in der Unterwelt, Les Contes d'Hoffmann) wird danach, unterstützt von der Sopranistin Julia Novikova, vollends in Richtung Sektstimmung abgedreht. In Bühnennähe hört man hervorragend, auf dem grenzgatschigen Heldenplatzrasen werden die klassischen Klänge als Hintergrundgeräusch für fröhliches Partygeplauder herangezogen. Nach zwei Stunden und zwei Zugaben enden Freudenfest und Abenddämmerung nahezu gleichzeitig.  (Stefan Ender, DER STANDARD, 10.5.2013)

  • Freude an Beethoven, Strauß Sohn und Offenbach: Haltung mit Herz auf dem Wiener Heldenplatz.
    foto: standard / christian fischer

    Freude an Beethoven, Strauß Sohn und Offenbach: Haltung mit Herz auf dem Wiener Heldenplatz.

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